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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Eingeborene

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Sie wohnen in einfachen, strohgedeckten Hütten, laufen mit Baströckchen und Kriegsbemalung herum und schießen mit Pfeil und Bogen auf Eindringlinge. Oft sind sie aber freundlich, dienen den weißen Forschern als Träger und warnen sie vor den Menschenfressern, die hinter den Bergen hausen. So werden in Berichten aus der Kolonialzeit die Eingeborenen fremder Länder geschildert.

Eingeboren ist eigentlich einer, der "in" diesem Ort, dieser Gegend "geboren" ist, kein von außerhalb Zugezogener. In diesem Sinn war inboran 'einheimisch' schon im Althochdeutschen gebräuchlich, ist aber im Mittelhochdeutschen nicht nachweisbar. Es hatte gegen das alte heimisch keine Chance. Im Neuhochdeutschen wurde eingeboren bis ins 19. Jahrhundert nur als 'einheimisch' und 'angeboren' gebraucht. Die Bedeutung 'Bewohner anderer Kontinente' kam erst ab 1885 auf, als auch Deutschland Kolonien hatte.

Die lateinische Entsprechung ist indígena und bezeichnete Menschengruppen und Tierarten, die schon immer in einer Gegend lebten, also nicht eingewandert waren oder als Exoten dorthin gebracht wurden. Dementsprechend wird das moderne Fachwort indigen auch heute noch von Völkern, Kulturen und Pflanzen verwendet. Indigene Völker sind Ureinwohner wie die amerikanischen Indianer und Indios, die Papuas auf Neuguinea, die australischen Aborigines.

Die Griechen Süditaliens nannten die Bewohner Mittelitaliens Boreî-gonoi 'Nordleute'. Die Römer bezogen diesen Namen nicht auf sich und ihre Nachbarstädte, sondern dachten an einen Stamm, der ab origine 'ursprünglich' dort gelebt hatte, und deuteten den Namen als Ab-origines 'Vorbevölkerung'. Die Bedeutung 'heutige Ureinwohner' kam erst zu Beginn der Neuzeit auf.
Man hat ja immer gewusst oder geahnt, dass früher ein anderes Volk in diesem Land gelebt hatte. Bei uns waren es die Kelten und die Hünen, die sagenhaften
Erbauer der Großstein-Monumente.

Die Griechen nannten die Ureinwohner ihres Landes autó-chthones, weil sie aus dem Land (chthôn) selbst (autós) stammten, während die Griechen eingewandert waren. Das heutige Fachwort autochthon wird nicht nur im Sinn von 'indigen' verwendet, sondern auch von 'an diesem Ort vorkommend'

Anders ist es mit dem "eingeborenen Sohn Gottes" im Glaubensbekenntnis. Das ist nicht zu verstehen als 'Ureinwohner des Himmels', sondern als 'der einzige Sohn Gottes'. Die Vorsilbe ein- hat zwei Bedeutungen, die in früheren Sprachzuständen deutlich zu unterscheiden sind: Hier ist es das Zahlwort ein (althochdeutsch einboran). Beim exotischen Eingeborenen steht die Präposition in, als Vorsilbe ein- (althochdeutsch inboran). Ähnlich unterscheiden wir im Hessischen Aofald und Eufall 'Einfalt' (eins) und 'Einfall' (in, hinein).

   

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Echo Online
Begriffe: Ureinwohner

 

Datum: 07.08.2010

Aktuell: 26.07.2016