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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ex und zurück: Abfälle

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo gekocht wird, bleiben Kartoffelschalen, Kohlstrunk und Knochen übrig. Abfall, der beim Bearbeiten herunterfällt oder nicht verwertet werden kann, ist unvermeidlich. Um 1800[1] hatte dieses Wort eine Fülle von Bedeutungen, die zum Teil heute nicht mehr gebräuchlich sind, unter anderem auch 'weniger beliebte Teile eines Schlachttieres' wie Kopf und Füße, 'Spreu' beim Getreide, das 'überflüssige Wasser' bei Wasserspielen. Abfall im Sinn von 'Müll' gehörte nicht zum Standardwortschatz und fehlt noch in den älteren Wörterbüchern.[2]

Auch Müll ist seit etwa 1800 üblich. 1838 wird er zusammen genannt mit Abfall als 'Ausschuss, fehlerhafte Ware'.[3] Grundbedeutung war 'lockere Erde, Schutt' (althochdeutsch gimulli, zu mahlen). Erst seit der Einführung der Mülltonne hat Müll den heutigen umfassenden Sinn.

Reste beim Essen hat man früher "unter den Tisch fallen lassen", wie die Redensart bezeugt. Noch heute gibt es Menschen, die unterwegs Verpackungen, Dosen und Flaschen fallen lassen oder wegwerfen. Eine Zeitlang hat auch die Werbung diese Einstellung der "Wegwerfgesellschaft" unterstützt: "Ex and hopp", trink die Flasche aus (ex) und wirf sie weg (hopp). Es war billiger neue Flaschen zu kaufen als die alten wieder zu verwenden.

Erzieher und Behörden waren immer der Meinung, dass man Müll nicht wegwerfen, sondern ordnungsgemäß beseitigen soll, "beiseite" räumen, damit er aus dem Weg ist. Seit 1971 wird das durch ein Abfallbeseitigungsgesetz geregelt. Um 1970 kam der Ausdruck entsorgen[4] auf als Gegenteil von besorgen 'beschaffen', also 'wegschaffen'. Dass man durch Entsorgung seine Sorgen nicht los wird, hat die Erfahrung gezeigt. Heute hat dieses Wort einen besseren Klang: nicht sorgloses "Ex und hopp", sondern sorgsames "Ex und zurück".

Mit Müll hat man zuerst Senken im Gelände aufgefüllt oder Müllberge aufgehäuft. Ein typisches Beispiel ist eine Sandgrube bei Frankfurt, aus der 1925-68 der Monte Scherbelino erwuchs, ein italienisch klingender Name, in dem das deutsche Scherbe steckt. Diese Müllkippen wurden zu einer Umweltbelastung, auch war es nicht gut, wertvolle Rohstoffe einfach wegzuwerfen. So begann man seit den 60-er Jahren Altmaterialien wiederzuverwerten und in den Produktionskreislauf zurückzuführen.

'Wieder in Umlauf bringen' ist der Sinn des Neuworts recyceln, eine Mischbildung aus lateinisch re- 'wieder', griechisch kýklos 'Kreis, Kreisbewegung' und englischer Aussprache. Der englische Ausdruck kam 1926 auf, als man Altöl reinigte, um es wieder zu verwenden. Schon 1983 lässt sich dieses Wort im Deutschen nachweisen.[5] Die den deutschen Gewohnheiten angepasste Form rezyklieren[6] hat sich nicht durchgesetzt.

 

 

[1] Adelung 1793-1801

[2] Grimm 1854, Paul und Engling 1896/ 1935

[3] Immermann bei Grimm 12,2653

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[4] ältester Beleg im Großen Duden: 1971

 

 

 


 

 

 

[5] Knaurs Etymologisches Lexikon, Meyers Großes Taschenlexikon Band 18

[6] nur ein Beleg im Großen Duden: 1985

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Datum: 05.10.2010

Aktuell: 26.07.2016