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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ökologie und Ökonomie

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Kann es eine Ökumene geben zwischen Ökologie 'Umweltkunde' und Ökonomie, den wirtschaftlichen Interessen der Firmen?

Das Wort Umwelt wurde 1800 geprägt von dem Dichter Jens Immanuel Baggesen[1], der seine "Schicksalshölle" von dem unterscheidet, was die "Umwelt", die anderen Menschen davon wahrnehmen. In einem weiteren Sinn von 'soziales Umfeld' schreibt Heinrich Zschokke 1824: "Wie ich in mir bin, so will ich meine Umwelt sehen".[2]

Die Zeit nach 1800 hatte offenbar das Bedürfnis, die eigene Person von der umgebenden Welt zu unterscheiden. Damals wurde auch Umgebung neu gebildet als das, was jemanden umgibt: Menschen, Lebensumstände, Landschaft.[3] Etwa gleichzeitig drang das französische Milieu ins Deutsche, zunächst in seiner ursprünglichen Bedeutung 'Mitte, Zentrum'. 1830 wurde es allgemein bekannt als politisches Schlagwort im Sinn von 'ausgewogene Mitte zwischen den Extremparteien'. 1863 erkannte der Franzose Hippolyte Taine das Milieu 'soziales Umfeld' als eine wichtige Haupttriebkraft des Lebens. Damit bekam das Wort seine heutige Bedeutung, im wissenschaftlichen wie im volkstümlichen Sprachgebrauch (Zilles "Milljöh", die Lebenswelt der Unterschicht).[4]

Schon 1896 untersuchte der schwedische Wissenschaftler Svante August Arrhenius "den Einfluß von Kohlensäure in der Luft auf die Bodentemperatur".[5] 1909 prägte der Deutschbalte Jakob Johann von Uexküll den modernen Umweltbegriff: Ein Tier lebt in seiner Umgebung und steht in Wechselwirkung mit seiner Umwelt.

Umwelt heißt auf Französisch environnement, abgeleitet von environ 'um … herum', zu  virer 'sich drehen', und wurde ins Englische als environment übernommen.

Im Spanischen und Italienischen heißt die Umwelt ambiente 'das herum gehende' aus lateinisch ambi 'um' und ire 'gehen'. Dieses Wort hat im Deutschen die Sonderbedeutung 'das besondere Etwas': die Atmosphäre eines Raumes oder das Flair eines Kunstwerks, die Ausstrahlung, die davon ausgeht, der Eindruck, den man davon bekommt. Auch das ist eine Art Umwelt.

Die Wissenschaft, die sich mit der Umwelt beschäftigt, heißt Ökologie. Griechisch oíkos ist das Haus. Wörter auf -logie kennzeichnen eine Wissenschaft: was man zu einem Thema zu sagen (légein) hat. Gemeint ist die Lehre vom Miteinander aller Lebewesen wie in einer Hausgemeinschaft. Der ähnliche Ausdruck Ökonomie bezeichnet die Kunst einen Haushalt zu führen. Das Wort kommt von griechisch némein 'verteilen, bewirtschaften'. Ökonomische und ökologische Interessen sind sich meist spinnefeind. So war es früher bei den Kirchen auch. Jetzt versuchen sie in der Ökumene miteinander, nicht gegeneinander zu leben. Oikouméne[6] 'die bewohnte' war das griechische Wort für die zivilisierte Welt.

 

[1] Von dem Dänen Baggesen stammt wohl auch das dänische omverden 'Umwelt'.

[2] Grimm, Dt. Wb. 23,1259

[3] 1828 bei Tieck. In der frühen Neuzeit bedeutete Umgebung 'das Umgeben', zum Beispiel wenn man sich Schmuck umhängt (Grimm 23,904). 1600 / 1800 lässt sich dieses Wort nicht mehr nachweisen.

[4] Wolfgang Pfeifer, Etym. Wb. des Dt. ² 871)

[6] Partizip Präsens Passiv von oikeîn 'wohnen', kein zusammengesetztes Wort

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Übersicht

 

Echo Online

Sprachecke 15.03.2005 | Begriffe Umwelt

 

Datum: 12.10.2010

Aktuell: 16.07.2016