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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Lieblingswörter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Was hatten Goethe und Thomas Mann gemein? Beide waren Schriftsteller und beide hatten ein ähnliches Lieblingswort: Einer von Goethes Favoriten war "wunderlich", Mann bevorzugte "kurios". Ich habe eine Zeitlang viel zu oft "offenbar" gesagt. Als mir das klar wurde, habe ich mir dieses Wort wieder abgewöhnt. Man kann ja auch "offensichtlich, offenkundig, anscheinend, vermutlich, wahrscheinlich, wohl" sagen. In einem Synonymwörterbuch kann man das alles nachschlagen. Oder noch einfacher beim Computer, da gibt es eine Funktion "Synonyme". Bei neueren Programmen zeigt man mit der Maus auf das Wort. Die rechte Maustaste öffnet ein Dialogfeld und zeigt Ausdrücke mit ähnlicher Bedeutung an.

Das Problem ist nicht unser mangelnder Wortschatz. Goethe hat 90.000 unterschiedliche Vokabeln nicht nur gekannt, sondern auch verwendet. Er müsste genug andere Wörter für "wunderlich" gewusst haben. Das ist also keine Frage der Bildung, sondern der Sicht- und der Denkweise: Die beiden Dichter haben die Welt mit allen Facetten kennengelernt und sahen manches, was "wunderlich" oder "kurios" war. Einem anderen wäre das vielleicht gar nicht aufgefallen.

Wie sehr Vokabeln unsre Gedanken beherrschen können, sehen wir an zwei Beispielen: Problem und interessant.

Griechisch pró-blema war etwas, was man vor jemand hinwarf, um sich zu schützen oder den anderen zu behindern, oder eine Aufgabe, die man ihm vorlegte. In dieser Bedeutung gelangte das Wort in den wissenschaftlichen Sprachgebrauch und kam übers Lateinische ins Deutsche. Richtig volkstümlich ist es erst in jüngerer Zeit geworden. Früher ging es den Leuten nicht so gut wie heute, aber sie hatten keine Probleme. Warum? Weil sie dieses Wort nicht kannten. Sie kannten Sorgen, Ärger, Not und Trübsal. Manches, was wir heute "problematisieren", hat man damals nicht gesehen.

Auch interessant ist ein Modewort, das unser Denken verändert hat. Das lateinische inter-esse 'dazwischen sein' konnte auch bedeuten 'an etwas Anteil nehmen, jemand etwas angehen' und 'für jemand wichtig sein'. Da sind wir schon fast bei der heutigen Bedeutung. Aber bis dahin war ein langer Weg. Im Mittelalter gebrauchte man Interesse im Sinn von 'Schadenersatz'[1] oder 'Zinsen' – dem Geschädigten oder Gläubiger lag viel daran, sein Geld zu bekommen. Daraus entwickelte sich 'Nutzen, Vorteil', 'persönliche Belange' und schließlich 'was unsre Aufmerksamkeit fesselt'.

"Interessante Probleme" – zwei Wörter, ohne die wir heute nicht mehr leben können, weil sie unser Denken geprägt haben.

 

[1] dem beschedigten zerung (Verpflegung) und interesse (Schaden) erstatten (Nürnberger Polizeiordnungen, Lexer 1,1445)

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Echo Online

Sprachecke 22.09.2015

 

Datum: 09.11.2010

Aktuell: 26.03.2016