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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Freiheit

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Fragen

frank und frei

vogelfrei

Narren-, Eselsfreiheit

 

Die Etymologie versucht der Bedeutung der Wörter auf die Spur zu kommen, indem sie ihre Herkunft erforscht. Frei zum Beispiel hat die Grundbedeutung 'lieb'. Das sehen wir an den verwandten Wörtern freien 'heiraten', Freund 'liebend', Freitag (nach der Liebesgöttin Frîa), Friede 'sicherer Rechtszustand'. Indogermanische Parallelen gibt es im Indischen (priyá- 'lieb') und Iranischen (frya- 'lieb, wert').

Einen ähnlichen Zusammenhang erkennen wir, wenn wir die Vokabeln anderer Sprachen untersuchen: Französisch libre kommt von lateinisch liber. Das lateinische liberi bedeutet nicht nur 'Freie', sondern auch 'Kinder'. Gemeint sind die "freien" Angehörigen des eigenen Volkes im Unterschied zu den ausländischen Sklaven. Die indogermanische Grundform leudh- 'Volk' lässt den Zusammenhang mit griechisch eleútheros 'frei', slawisch ljud 'Volk', deutsch Leute erkennen. Das slawische svoboď 'frei' gehört zu unserm Sippe 'Großfamilie': Frei, im Vollbesitz aller Rechte, waren in alter Zeit nur die Angehörigen des staatstragenden Volkes, alle anderen, die zugezogenen Ausländer, die unterworfenen Völker und die Sklaven hatten nur wenige Rechte und waren unfrei.

So müssen wir also auch die Bedeutungsvarianten unsres Wortes frei verstehen: Unsre Lieben, die Familienmitglieder, dürfen in die Küche und an den Kühlschrank, ins Esszimmer und an den Esstisch, ins Büro und an den Computer. Gäste müssen warten, bis wir ihnen etwas erlauben.

Alle diese Wörter haben ursprünglich nicht 'unabhängig', sondern 'privilegiert' bedeutet. Das ist die Grundbedeutung.

Die heutige Bedeutung ermitteln wir, in dem wir den Sprachgebrauch untersuchen: Ein Bürger ist frei, wenn ihm der Staat nicht allzu viele Vorschriften macht. Ein Land ist frei, wenn es keiner Fremdherrschaft oder Diktatur untersteht. Ein Brief ist frei, wenn das Porto bezahlt ist. Ein Stuhl ist frei, wenn niemand darauf sitzt. Am Sonntag ist arbeitsfrei. Gedanken sind zollfrei. Und ein Open-Air-Konzert findet unter freiem Himmel statt. Frei kann bedeuten 'selbständig, unabhängig, frankiert, unbesetzt, ohne Verpflichtungen, nicht zensierbar, nicht unter einem Dach' und vieles mehr.

Die dritte Möglichkeit schließlich ist, das Gemeinte mit Synonymen zu umschreiben. Frei kann sein: unabhängig (autonom 'nach eigenen Gesetzen lebend', autark 'sich selbst versorgend', emanzipiert 'nicht bevormundet', souverän 'mit eigener Hoheit', frank 'nicht leibeigen', später 'frei von Abgaben' – ungebunden (ledig 'unverheiratet') – kostenlos (gratis) – unbesetzt (vakant) – ungezwungen (leger).

Zum Verständnis eines Wortes helfen uns also die Wortgeschichte, der Sprachgebrauch und die Synonyme.

 

 

   

 

Frage:

Mir ist aufgefallen, dass "frank und frei" nur im Zusammenhang mit "sprechen", "Meinung äußern" verwendet wird. Werden beide Wörter zusammen benutzt, weil es sich wegen des Stabreims so schön ausspricht? Und außerdem ist es so was wie ein weißer Schimmel, eine Tautologie; soll damit die Bedeutung verstärkt werden?

Da fällt mir noch "vogelfrei" ein. Von Freiheit keine Spur für den, der für vogelfrei erklärt wurde!

 

Meine Antwort

"Frank und frei" ist Stabreim und Tautologie, aber keine überflüssige Worthäufung (Pleonasmus) wie "weißer Schimmel" oder "die leblose Leiche eines Toten". Vielmehr handelt es sich um eine Zwillingsformel, in der zwei Wörter fest miteinander verbunden sind.

Diese Formeln dienen zur Verstärkung des Gemeinten. Teilweise handelt es sich um mittelalterlichen juristischen Sprachgebrauch (z.B. "Tisch und Bett teilen").

In "frank und frei sprechen" ist frank nur ein verstärkendes Wort wie bei "klipp und klar", wo klipp nur ein Reimwort ist.

Hier wird vielleicht auch deutlich, warum man solche Formeln gebildet hat: Es handelt sich um der Regel um einsilbige, allenfalls zweisilbige Wörter (gut und gern, franc et libre, biegen und brechen), die in der mündlichen Rede leicht untergehen. Das ist also nicht nur Tautologie, sondern auch Redundanz, eine Wiederholung aus Gründen der Verständlichkeit.

"Frank und frei" ist keine deutsche, sondern eine französische Formulierung: "Franc et libre de toutes tailles = frank und frei von allen Steuern" waren Adel und Geistlichkeit bis zur französischen Revolution. Gemeint war wohl ursprünglich: Franke, daher frei.

Von daher die Bedeutung 'frei von Abgaben >> Gebühren > Porto' und frankieren, freimachen, francobollo, Freimarke'.

 

Vogelfrei: In der Ächtungsformel hieß es: "und ich weise und teile zu den Krähen und Raben und den Vögeln und anderen Tieren in der Luft sein Fleisch, sein Blut und Gebein… Sein Leib soll frei und erlaubt sein allen Leuten und Tieren, den Vögeln in den Lüften, den Fischen im Wasser, sodass niemand gegen ihn einen Frevel begehen kann, dessen er büßen dürfe. (= müsse)"[1]

Älter ist "frei wie ein Vogel". Das zeigt das Zitat "daz der minnende muot rehte alse der vrîe vogel tuot, der durch die vrîheit, die er hât, ûf daz gelîmde zwî gestât = dass der liebestolle Mut grad wie der freie Vogel handelt, der durch die Freiheit, die er hat, sich auf die Leimrute des Vogelfängers stellt" (bzw. einer Frau), und wenn er sich endlich losgerissen hat, dann bleibt er mit dem Leim an den Füßen an der nächsten hängen.[2]

Das Gegenteil dieser Freiheit ist der Käfig. Vogelfrei in diesem Sinne ist also nicht 'rechtlos', sondern 'ungebunden'.

Vogelfrei 'geächtet' kommt erstmals 1538 vor. Aber noch um 1825 wurde dieses Wort im positiven Sinn von 'ungebunden' verwendet, zum Beispiel von einer Insel, die nicht zum britischen Kolonialreich gehörte.[3]

 

Eine mildere Form dieser Strafe ist die heute noch unausgesprochen verhängte Narren- oder Eselsfreiheit: Mach was du willst, wir nehmen dich nicht Ernst.

 


[1] Grimm Deutsche Rechtsaltertümer 1,59

[3] Grimm Dt.Wb. 26,407-9

   

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Echo Online

Begriff frei

 

Datum: 23.11.2010

Aktuell: 26.03.2016