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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Brühl und Bühl

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wie findet man eine bestimmte Adresse? Wir suchen nach Straße und Hausnummer. Aber wie macht man es in der freien Landschaft? Wie definiert der Bauer, auf welchem Acker Hafer gesät werden soll?

Dazu hat man die Landschaft in Bezirke eingeteilt. Jede Stadt und jede Gemeinde hat eine Gemarkung, die ist unterteilt in Fluren und Flurstücke, die alle eine Nummer tragen. Aus alter Zeit hat jede Flur einen Namen, der einprägsamer ist als eine abstrakte Nummer, unter der man sich nichts vorstellen kann. Eine namentlich benannte Abteilung heißt bei uns Gewann, eigentlich "Gewande", eine Ackergruppe mit gemeinsamen "Pflugwenden": Man zackert ja heute noch lange Furchen und wendet an der Schmalseite des Ackers wieder um.
Welches Geschlecht hat Gewann? Das ist selbst in Südhessen nicht einheitlich. Am Rhein ist "sie" weiblich, im Odenwald ist "es" sächlich, mancherorts auch männlich. Was geht die Sprachgemeinschaft die örtlichen Besonderheiten in Ginsheim, Lampertheim, Seligenstadt oder Neckar-Steinach an?

Auch die Flurnamen haben nur örtliche Bedeutung. Und geben dem Sprachforscher manche Nuss zu knacken. Namen wie "Tagweide, Feldwiese, Schafberg" bedürfen keiner Erklärung. Oft aber haben sich in diesen Bezeichnungen alte und seltene Ausdrücke erhalten, die in der Alltagssprache verloren gegangen sind. Was sie bedeuten, ist dem Ortskundigen oft bewusst und lässt sich auch mit Wörterbüchern ermitteln:

Ein Bühl oder Böhl ist ein Hügel, althochdeutsch buhil. Dieses Wort wurde seit etwa 1800 aus dem aktiven Sprachschatz verdrängt durch den Buckel. Die Buckel war ursprünglich der halbkugelförmige Schildknauf, der die Hand des Kriegers schützte (lateinisch buccula). Buckel und Bühl sind entfernte Verwandte von biegen.

Ein Brügel oder Brühl ist das Gegenteil, eine nasse Wiese, aus mittellateinisch brogilos 'Gehege, Wiese', ursprünglich wohl keltisch. Das Wort ist erhalten auch in französisch breuil 'Gebüsch' und nach dem Strauchdieb, der sich darin versteckt, in italienisch broglio 'Betrugsmanöver'.

Auch Flurnamen sind dem Wechsel der Zeiten unterworfen. Manche lassen sich schon im Spätmittelalter nachweisen, in Nauheim seit 1446. Da wird eine Gewann "in den roidern" erwähnt. Sie heißt heute "An den Rödern". Röder ist die Mehrzahl von Rod 'dem Wald abgerungenes Ackerland'.
Viele alte Namen sind durch Flurbereinigungen und Baugebiete verlorengegangen. Neuerdings bemüht man sich, sie in Straßennamen weiterleben zu lassen wie "In den Rödern" (Zeilhard), "Im Steinböhl" (Ober-Abtsteinach), "Brühlstraße" (Erzhausen), "Im Brühel" (Lengfeld), "Im Brügel" (Kirchbrombach).

 

 

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Echo Online

 

Datum: 07.12.2010

Aktuell: 26.03.2016