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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kernreaktor

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Bei Biblis steht ein AKW, kurz für Atomkraftwerk, auch Kernkraftwerk genannt. Dort entsteht durch radioaktiven Zerfall der Atomkerne Wärmeenergie, die zur Stromerzeugung genutzt wird. Die Atome der schwereren chemischen Elemente zerfallen von selbst und senden dabei Teilchen aus, die auch andere Atome zertrümmern können, sowie elektromagnetische Strahlung, die lebensgefährlich werden kann. In der Natur finden sich radioaktive Stoffe nicht in konzentrierter Form, so dass sie nicht viel Schaden anrichten können. Sind sie aber dicht zusammengepackt, dann spalten sie einander, es kommt zu einer Kettenreaktion und zur verheerenden Explosion einer Atombombe. In einem Kernkraftwerk geschieht dasselbe, nur langsamer und unter Kontrolle.

Der griechische Philosoph Demokrit (um 400 v. Chr.) hat schon gewusst, dass die Materie aus kleinen Teilchen besteht, die er für 'unteilbar' (átomos) hielt: griechisch a(n)- entspricht unserm un- und témnein ist 'schneiden'. Erst seit 1938 ist nachgewiesen, dass auch Atome teilbar sind. Radioaktivität, die Aussendung energiereicher Strahlen, hatte man schon bei der Röntgenstrahlung 1895 kennengelernt. Lateinisch radius war ein Stab, auch eine Speiche am Rad und sodann der speichenartig von einer Lichtquelle ausgehende Lichtstrahl. Das Wort wurde in der Neuzeit auch auf andere Strahlen übertragen. Aktiv ist 'wirksam, tätig' und gehört wie reagieren zu lateinisch ágere 'treiben, wirken, tätig sein'. Radioaktiv ist also, was Strahlung bewirkt.

Im Kernreaktor spalten sich die "Kerne" der Atome gegenseitig in einer kontrollierten Kettenreaktion. Der Reaktor reagiert also nicht auf etwas, sondern in ihm reagieren die Atomkerne miteinander. Reaktion ist zwar aus lateinisch re- 'wieder' und actio 'Wirkung' abgeleitet, ist aber ein moderner Begriff aus der Chemie und bezeichnet den Prozess, der gestartet wird, indem man mehrere Substanzen in einem Reagenzglas miteinander mischt. Das ist eine 'Wechselwirkung', nicht die 'Erwiderung einer Handlung'.

Ein schweres Reaktorunglück ist ein GAU (größter anzunehmender Unfall). Wie kann es dann aber noch einen "Super-Gau" geben? Ein GAU ist nicht das schlimmste, was passieren kann, sondern ein Störfall, gegen den das AKW gerüstet sein muss. Auch in Biblis muss man mit Erdbeben, Terroranschlägen und Angriffen aus dem Internet rechnen. Davor muss man den Reaktor schützen, nicht aber vor so unwahrscheinlichen Ereignissen wie Meteoriteneinschlag und Vulkanausbruch oder vor den unvorhersehbaren Folgen eines Krieges.

 

 

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Echo Online

Sprachecke 31.07 2012

 

Datum: 29.03.2011

Aktuell: 26.03.2016