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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Haariger Lein

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Heute tragen wir vor allem Kleidung aus Baumwolle. Diese wächst in wärmeren Ländern. Noch vor nicht allzu langer Zeit waren Hemden, Röcke, Kleider aus den Fasern des Leins, nicht importiert, sondern selbst angebaut, verarbeitet, versponnen, gewebt, gebleicht.

Im Germanischen konkurrieren mit Lein zwei andere Namen: Flachs und Haar. Haar ist das Rohmaterial. Dieses Wort hat sich nur im Süden gehalten. Was es mit den Haaren auf dem Kopf zu tun hat, ist unklar. Flachs ist westgermanisch, eigentlich 'Material zum Flechten oder Weben', verwandt mit lateinisch pléctere 'flechten', plexus 'geflochten'. Flachs war in unsrer Gegend Name der Pflanze. Lein (alt linon) ist in ganz Europa gebräuchlich und lässt sich aus dem Indogermanischen als 'schmiegsam, weich' erklären. Davon abgeleitet sind die Produktnamen Leinen, Linnen 'ein Stoff' und Leine 'Seil'.

Der blau blühende Lein ist eine vielseitige Pflanze. Die ölhaltigen Leinsamen kennen wir aus der Küche. Man presst daraus das Leinöl, das nicht nur als Nahrungsmittel dient, sondern auch als Grundlage für Salben, Holzschutz und Farben. Nach dem lateinischen Namen des Leinöls ist der Bodenbelag Linoleum benannt, dessen Fasern aus Jute bestehen. Die wichtigste Verwendung aber waren die Fasern, aus denen das Leinen gemacht wurde.

Der Flachsanbau wurde aufgegeben, weil er zu arbeitsintensiv war: Die Stängel wurden von Hand gerauft 'mit den Wurzeln ausgerissen' und auf dem Feld getrocknet, sodann im Flachsgraben in Wasser geröstet, damit sich die Fasern lösten, und wieder getrocknet, mit einem Spezialgerät gebrochen und durch Schwingen und Hecheln von losen Pflanzenteilchen gereinigt. Erst dann konnte die eigentliche Arbeit mit Spinnen und Weben beginnen.

Es ist ja seltsam, dass man auch im Wasser rösten kann. Dieses Wort kommt nicht von Rost 'Grill', sondern ist verwandt mit verrotten: Im Wasser löst sich der Pflanzenleim, welcher Fasern und Holzteilchen im Stängel verbindet.

Eine Hechel ist ein feststehender Kamm, durch den man die Fasern zum Reinigen zieht. Sie ist benannt nach ihren gekrümmten Zähnen: Haken und Hechel haben denselben Ursprung. Mit -el sind Werkzeugnamen gebildet (Hebel, Schlägel, Stichel).[1]

Naturleinen ist grau und sieht nicht schön aus. Deshalb hat man es gebleicht, aber nicht mit Chemikalien, sondern man legte die Tücher in der Bleiche auf den Rasen in die Sonne und hielt sie mit der Gießkanne feucht. Im Sonnenlicht oxidieren die Farbstoffe und lösen sich im Wasser auf.[2]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Nichts damit zu tun hat das Hecheln des Hundes, der sich durch stoßweises Atmen Kühlung verschafft. Dieses Wort kommt von hechen 'kurz und schnell atmen', eigentlich 'hach machen'. -eln kennzeichnet eine wiederholte kurze Bewegung (rappeln, tippeln, schnippeln).

Jemand durchhecheln 'über ihn lästern' kann man verstehen als 'boshaft durch die Zähne ziehen' wie durch eine Hechel.

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Echo Online

 

Datum: 05.03.2011

Aktuell: 26.07.2016