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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Bio-Funseln

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Schon vor 160 Jahren gab es umweltfreundliche Lampen, die nicht Petroleum, sondern Rapsöl[1] verbrannten, einen nachwachsenden Rohstoff, der heute wieder an Bedeutung gewinnt. Die "Steinöl-Lampen" wurden erst um 1870 eingeführt.

Im Erzgebirge waren im 19. Jahrhundert Öllampen in Gebrauch, die man Funse oder Funsel nannte. Die einfachste bestand aus einer offenen Ölschale mit einer Tülle für den Docht.[2] Funsel war schon damals ein verächtlicher Ausdruck, wie heute im Sinn von 'Lampe, die nicht richtig hell macht'. Das lag wohl daran, dass diese Öllampe noch keinen Glaszylinder hatte, so dass die Flamme geflackert und gerußt hat.

Gab es bessere Lichtquellen? Ein Dichter[3] um 1700 schreibt, dass er beim Besuch eines Freundes keine billigen "Hellerfunsen" auf den Tisch stellen wollte, sondern Kerzen. Eine Kerze spendete also helleres Licht als eine Ölfunsel.
Der Heller war eine Münze von geringem Wert. Die Kerzen waren teurer. Fast umsonst gab es den Kienspan, ein schmales Holzscheit, das man beim Zerkleinern von harzreichem Brennholz selbst machen konnte. Kien 'Spaltholz' ist verwandt mit altenglisch cínan ("tschinann") 'gaffen, gähnen, bersten' und Keil 'Spaltgerät'.

Statt des Rüböls konnte man auch Tran verwenden aus dem Speck von Walen und Robben. Merkwürdigerweise ist das Wort Tranfunsel[4] erst um 1900 aufgekommen, als man schon längst die verbesserten Petroleumlampen hatte. Es diente wie heute nicht als Fachwort für eine bestimmte Art von Beleuchtung, sondern als Schimpfwort für einen langsamen, "tranigen" Menschen, so dickflüssig und zäh wie Tran und wie eine Funsel nicht besonders "hell", sondern schlafmützig und begriffsstutzig. Das einfache Funsel wird ja ebenfalls als Schelte gebraucht.

Tran kommt in der Bedeutung 'Tropfen' von Träne. Aber woher kommt Funse(l)? Theoretisch könnte es aus Funk-se, funk-seln entstanden sein. Dafür gibt es aber keine Hinweise. Stattdessen haben wir eine ganze Menge Vokabeln, die einen gleitenden Übergang belegen von fucken 'stoßen' – fuchsen (richtig wäre "fucksen") 'plagen, betrügen' – futsche(l)n, fusche(l)n, fusseln 'unruhig die Hände bewegen' – funseln 'wischen, stümperhaft arbeiten'. Die Endung ‑eln deutet wiederholte kurze Bewegungen an. Über die Bedeutung 'sich unstet bewegen' und 'flackern' hat die Funsel ihren Namen bekommen. Ursprünglich war das nicht der Name einer Lampe, sondern bezeichnete die Flamme und die Art, wie sie brannte.

Nach heutigem Sprachgebrauch wäre die Funsel keine Lampe, sondern eine Leuchte, ein Lampenhalter wie Kerzenständer, Kronleuchter, Scheinwerfer. Lampe ist das, was Licht erzeugt: Öl und Docht, Glühbirne, Energiesparlampe.

 

[1] Die Biologen unterscheiden Raps (Steckrübe, brassica napus) vom verwandten Rübsen (Weiße Rübe, brassica rapa), beide wegen ihrer Rüben oder ihrer ölhaltigen Samen angebaut.

[2] Müller-Fraureuth, Wörterbuch der obersächsischen und erzgebirgischen Mundarten (1911) 1,367

[3] wohl Johann Christian Günther (1695-1723), zitiert bei Grimm 4,614

[4] Küpper, Wörterbuch der deutschen Umgangssprache 261

 

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Begriffe: hell und dunkel

 

Datum: 10.05.2011

Aktuell: 11.04.2016