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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Mitleid

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Bei einer Feier im Kindergarten habe ich es erlebt: Da musste ein Kind husten und die anderen schlossen sich an. Haben sie sich so schnell infiziert? Gewissermaßen ja: Kinder sind geneigt, Husten, Gähnen, Lachen, Weinen anderer nachzuahmen. Sie lernen dabei, wie es anderen Menschen zumute ist. Ist so das Mitleid entstanden?

Neulich fragte mich jemand, woher das griechische Wort für 'Mitleid', éleos, käme: Es geht auf ein Schallwort el-, ol-, ul- zurück. Der psychologische Hintergrund ist ja ganz interessant. Aber was geht uns das griechische Wort an? Wir kennen es aus dem kirchlichen Bittruf "Kyrie eleison, Herr erbarme dich", nach neugriechischer Aussprache "elé-ison". Altgriechisch war eléêson.

Éleos steckt auch in unserm Almosen, das von dem abgeleiteten eleêmosýnê 'Mitleid' kommt. Dieses Wort bezeichnete nicht nur das Gefühl, sondern auch die Reaktion darauf, die Beihilfe. Heute denken wir bei Almosen an die paar Münzen, die man dem Bettler in den Hut wirft. Schon im Altertum war die Armenfürsorge anders geregelt: Man gab dem Armen das Geld nicht direkt, um ihn nicht zu beschämen. Die Mittel flossen in einen großen Topf und wurden daraus verteilt. So handhaben es heute noch Synagoge, Kirche, Moschee und Staat.

Mitleid wurde erst im Mittelalter gebildet als Lehnübersetzung von lateinisch compassio im Sinn von 'mit jemand leiden', seine Gefühle nachempfinden.

Die alten Ausdrücke sind erbarmen und Barmherzigkeit, dem lateinischen miseréri, misericordia nachempfunden, zu miser 'elend' und cord- 'Herz', also "ein Herz für die Elenden haben". Man ist geneigt, barm- zu deuten als "be-arm". Nun ist aber althochdeutsch barm 'Mutterbrust, Schoß'. Erbarmen wäre also, wenn die Mutter ein schreiendes Häuflein Elend an die Brust legt oder auf den Schoß nimmt. Ein rührendes Bild! Aber ist diese Deutung richtig? Darauf weisen zwei Parallelen: Griechisch splánkhna sind die 'Eingeweide, Mutterleib', aber auch das, was wir im "Herzen" vermuten, die Emotionen. Das abgeleitete Verb bedeutet 'sich erbarmen'. Noch deutlicher ist hebräisch rächäm 'Gebärmutter', Mehrzahl 'Mitleid'. Die Alten haben schon immer gewusst, dass Menschlichkeit keine Sache des Kopfes, sondern des Herzens oder des Bauches ist.

Das germanische Wort war unnan 'wohlwollen, anstis, unstis 'Wohlwollen', das mit vorindogermanisch hanna 'Vorfahre, Ahne' und hebräisch hen 'Zuneigung, Anmut' zusammenhängt. Gemeint ist die fürsorgliche Liebe der Großen zu den Kleinen, in der Familie wie in der Gesellschaft. Unser Wort gönnen 'jemand etwas genehmigen, nicht neidisch sein' ist entstanden aus ga-unnan 'großzügig sein', dazu ga-unstis 'Gunst'.

 

 

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Datum: 07.06.2011

Aktuell: 26.03.2016