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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schätze

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Vor Jahren rief mich einer an, er habe den Nibelungenschatz gefunden, irgendwo auf einem Acker im Hunsrück. Ob wir uns mal treffen könnten. Da ich mich nicht an dubiosen Geschäften beteilige, habe ich aufgelegt. Was soll ich mit goldnen Armreifen, Münzen, Schrott oder auch nur Seifenblasen? Ich habe andere Schätze, die sind mir lieber: Frau, Kinder, Schwiegerkinder, Enkel, Verwandte. Und "teure Freunde", nicht weil sie viel Geld kosten, sondern weil sie mir lieb und wert (englisch dear) sind.

Unter Schatz verstanden unsre Vorfahren ihr bewegliches Vermögen: nicht nur den goldenen Plunder der Seeräuber und Nibelungen, den man verstecken muss, damit er nicht abhandenkommt. Schon die Goten waren über diese Sammelwut hinaus; für sie war skatts eine Münze, für die man alles kriegen kann: Klunker und Backwerk, Buch und Kleid. Die Urgermanen verstanden unter skattas ihr Vieh, das sie hüteten, indogermanisch s-kadhnos 'beschützt'. Das vorgesetzte s ist Rest einer Vorsilbe, deren Funktion nicht mehr zu erkennen ist. Das Grundwort kadh- steckt in Hut und hüten.
Von der wichtigen Bedeutung der Nutztiere spricht auch lateinisch pecunia 'Geld', eine Weiterbildung aus pecus 'Kleinvieh (Schafe, Ziegen). Umgekehrt steckt in englisch cattle 'Vieh' das Wort Kapital: altfranzösisch catel 'Güter, Vermögen'.
Schon im frühen Mittelalter musste man für sein Vermögen Steuern zahlen (altnordisch skattr 'Steuer, Vermögen'). Eine Schatzung war das, was heute der Steuerbescheid vom Finanzamt ist. Und nicht nur der Staat hielt seine Hand auf: Der Feind bat nicht lange, sondern nahm sich bei einer Brandschatzung, was er brauchen konnte, der Rest ging in Flammen auf.

Größere Geldbeträge und Wertsachen sollte man nicht offen herumliegen lassen, sondern in einem Panzerschrank aufbewahren. Im Namen dieses zentnerschweren Ungetüms, Tresor, steckt das verunstaltete lateinische thesaurus, aus griechisch thêsaurós 'Schatz'. Gemeint war die Schatzkammer, in der man sein Vermögen niedergelegt (thê-s-) hatte. Das lateinische Wort erinnert daran, dass ein Sprachforscher ganz andere Schätze hütet, denn Thesaurus kann auch 'Sprachschatz, Wörterbuch' bedeuten.

Ein deutscher Neffe des Tresors ist der Tresen, ursprünglich 'Schatz', dann 'Geldschublade' und schließlich 'Theke'.

Die altpersischen Könige haben mit ihrer Schatzkammer (gandsch) Schule gemacht. Dieses Wort gelangte übers Semitische und Griechische als gazza (mit stimmhaftem s) ins Lateinische. In Venedig war das "Schätzchen", gazeta, eine Münze, sodann das 'Groschenblatt', daher französisch gazette 'Zeitung'. Das indogermanische Grundwort gwhondios 'in Fülle' steckt in unserm ganz, das aus dem Baltischen entlehnt ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leserbrief

Anhand historischer Beschreibungen und lexikalischer Darstellung bedeutet "brandschatzen" gerade nicht plündern und niederbrennen, sondern die Forderung einer "Kontribution" gerade zur Vermeidung solcher Kriegshandlungen - statt Gewaltanwendung also Erpressung! 

Ein historisches Beispiel findet sich z.B. in dem Vorgehen der französischen Heeresleitung gegenüber der Grafschaft Erbach im Pfälzer Erbfolgekrieg.

Freilich muss ich zugeben, dass das Wort "brandschatzen" heutzutage permanent falsch verwendet wird, so dass man schon von einem Bedeutungswandel sprechen kann.

 

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Echo Online

 

Datum: 28.06.2011

Aktuell: 26.07.2016