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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Silberne Gulden

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Das Darmstädter Original Datterich lässt sich einen Wein spendieren und sagt großspurig: "Uf e annerrmol is die Reih an mir." Kellnerin Lisette kennt ihren Stammkunden und sagt für sich: "Ja, wann die Kuh en Batze gilt,"[1] also nie, denn der Batzen war eine kleine Münze, etwa dasselbe wie ein Groschen.

Gelten bedeutet in dieser Redensart 'kosten'. Dieses Wort hat den blassen Sinn 'rechtskräftig sein, einen bestimmten Wert haben'. Statt der Bestätigungsfrage "gelt?" (hessisch gell?) könnten wir auch sagen: "Soll's gelten? Stimmt's?"
Ursprünglich hatte gelten die Bedeutung 'bezahlen' (Steuern, Bußgeld, Entschädigung), sodann im weiteren Sinn: 'einem das geben, was ihm zusteht' ("Heimzahlung", das heißt Vergeltung, Entgelt, heidnische Opfer), überhaupt 'eine geforderte Leistung erbringen'.
Es liegt auf der Hand, dass gelten mit Geld verwandt ist. Die unterschiedliche Schreibung ist eine künstliche Unterscheidung. Geld hatte von Anfang an die Bedeutung 'Bezahlung'.

Auch wenn noch im Mittelalter die Naturalwirtschaft eine große Rolle spielte und wenn die Steuern in Form von Eiern, Hühnern oder Getreide entrichtet wurden, kannten die Germanen schon vor der Zeitenwende Münzen: Als Sold im Dienst keltischer Fürsten oder Roms bekamen sie Bronze-, Silber- und Goldmünzen. Zahlen konnten sie in ihrer Heimat damit nicht, aber tauschen: Die verzierten Scheibchen waren beliebt als Schmuckstücke.

Wie thrakisch zêlta, lettisch zelts 'Gold' zeigen – beide mit stimmhaftem s aus g – scheint Geld ursprünglich 'Gold' bedeutet zu haben. Grundlage ist das Farbadjektiv geel 'gelb', litauisch geltas.
Davon abgeleitet ist germanisch geldan 'bezahlen'. Aus dessen Partizip guldan 'bezahlt' wurde als neues Wort für das Metall gulda gebildet. Dieses u wurde vor a zu kurzem o (gegolten, Gold). Vor i aber blieb das u erhalten, daher guldin, umgelautet gülden 'aus Gold' und Gulden, eine mittelalterliche Goldmünze.

In der Neuzeit waren die Gulden aus Silber. So nennen wir das weiße Metall. Ähnliche Namen sind im Germanischen, Baltischen und Slawischen gebräuchlich. Die Semiten hatten die Technik des Läuterns entwickelt, um beim Schmelzen Beimischungen andrer Metalle auszuscheiden. Dies nannten sie tsarapa 'Silber schmelzen und läutern', eine Variante von sarapa 'verbrennen'. Die Europäer lernten diese Methode unter dem semitischen Namen kennen und leiteten davon sirep-rón 'Silber' ab (altslawisch sirebró). Die Germanen mochten keine zwei r in einem Wort. Deshalb sagten sie nicht sírevra, sondern sílevra 'Silber'. Ähnlich die Kelten. Ihr Wort steckt in baskisch zilar ("silár"). Da die Kelten kein p hatten, sagten sie sílaron, nicht sílapron.

 

 

[1] Niebergall, Der Datterich 1,4

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Echo Online

 

Datum: 12.07.2011

Aktuell: 26.03.2016