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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Leib- und Seel-Hose

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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In diesem kühlen Sommer wünscht man sich eine besondere Art Unterwäsche zurück: die gute alte Leib- und Seel-Hose, einen Overall mit langen Ärmeln und Beinen. Sie hielt Leib und Seele warm, war aber leider nicht benutzerfreundlich.

Leib ist das gehobene Wort für das Standardwort Körper. Man denkt dabei besonders an den Bauch mit seinen Eingeweiden. Wenn dort unten etwas nicht in Ordnung ist, bekommen feine Leute Leibschmerzen, die anderen haben ordinäres Bauchweh. Aber wenn wir etwas "am eigenen Leibe erfahren", meinen wir die eigene Person. Grundbedeutung von Leib war wie bei englisch life 'das Leben'. Der heutige materielle Sinn ergab sich durch die Redewendung "Leib und Seele".
In der Redewendung "wie er leibt und lebt" ist noch zu ahnen, wie Leib, leben ursprünglich gemeint war. Englisch leave 'zurücklassen' lässt die Grundbedeutung erkennen: Die Germanen verstanden unter leben 'dageblieben sein, überlebt haben'. Man sah die ständige Bedrohung durch den Tod deutlicher als heute. Die Bedeutung 'Körper' hat Leib erst im Mittelhochdeutschen angenommen.

Körper ist ein Fremdwort aus lateinisch corpus 'der materielle Teil eines Lebewesens', verstanden als Organismus, der aus einzelnen Teilen (Organen) zusammengesetzt ist. Das wirkt bis heute nach in Wörtern wie Körperschaft 'Organisation', Corps 'Truppenverband, studentische Verbindung, Gesamtheit (alle Diplomaten)'.

Das Gegenstück zum Leib ist die Seele. Die Goten hatten noch die altgermanische Form dieses Wortes: saiwala, vielleicht eine Weiterbildung mit s- aus aiv- Lebenskraft, Lebenszeit'. Seele war also das, was den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmacht, erkennbar am Atem. Man hielt einem regungslos Daliegenden ein Federchen vor die Nase. Wenn es sich nicht bewegte, nahm man an, dass der Tod eingetreten sei. Dann öffnete man das Fenster, damit der Seelenatem das Haus verlassen konnte. Man verglich dieses Lebensprinzip daher gern mit dem Atem: altdeutsch Odem, lateinisch anima (zu griechisch ánemos 'Wind'), griechisch psykhê (zu psýkhein 'hauchen, blasen').

Geist  kommt von germanisch geistis 'Schrecken' zu indogermanisch gheis- 'erregt sein'. Die heutige Bedeutung ist beeinflusst von lateinisch spiritus, griechisch pneûma, eigentlich 'das Wehen', auch 'Hauch, Wind'. Wir denken heute bei Geist eher an das, was in unserm Gehirn vorgeht, bei Seele mehr an das, was man volkstümlich "die Nerven" nennt. Ursprünglich verband man mit Seele das Persönliche, mit Geist etwas Überpersönliches. Noch heute reden wir vom Zeitgeist, dem allgemeinen Denken und Fühlen.

 

 

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Echo Online | Begriffe: Psychologie

Geist | Seele | Sprachecke 15.04.2008 | 03.11.2015 |  25.04.2017

 

Datum: 16.08.2011

Aktuell: 20.04.2017