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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sehenden Auges

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Gefahren lassen sich nicht immer vermeiden. Es ist besser, ihnen "ins Auge zu sehen" und "sehenden Auges" ein Risiko einzugehen, als "blindlings" in etwas hineinzuschlittern, was wir nicht kommen sahen oder nicht wahrhaben wollten.

Mit gesunden Augen können wir Helligkeitsunterschiede, Farben und Bewegungen erkennen und uns so ein "Bild machen" von unsrer Umgebung. Sie sind spezialisierte Organe, mit denen wir sehen können und sonst nichts. Trotzdem gibt es eine Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten für das, was unsre Augen tun: Da haben wir Synonyme, die unterschiedliche Aspekte kennzeichnen: sehen, schauen 'mit den Augen wahrnehmen'; blicken 'die Augen auf etwas richten', spähen 'Ausschau halten', starren 'unbeweglich mit den Augen fixieren', glotzen 'stumpfsinnig schauen', gaffen 'neugierig zusehen', sichten 'durchsehen und sortieren' (eigentlich siften zu Sieb wie Schrift zu schrieb und mit cht wie bei Neffe / Nichte). Weitere Ausdrucksmöglichkeiten haben wir durch stehende Redewendungen wie "ins Auge fassen, einen Blick werfen, ein Geschehen verfolgen".

Damit sind wir bei der Wortgeschichte von sehen. Denn das germanische sehwan lässt einen Zusammenhang erkennen mit lateinisch sequi 'folgen', also 'mit den Augen verfolgen'.
Auch Auge scheint in diesen Zusammenhang zu gehören. Das indogermanische Wort war oqu- (lateinisch oculus, eigentlich 'Äuglein'). Der Anlaut von sequ- / oqu- ist ein "bewegliches s", das mal steht, mal wegfällt (wie bei lecken / schlecken).
Die Ableitung äugen 'sich suchend umschauen' wird selten gebraucht. Eräugen 'vor Augen stellen' sagte man vor 500 Jahren, heute nicht mehr. Aber immer noch "eräugnen" sich Dinge, die wir miterleben, das wäre die richtige Schreibung für ereignen 'sich begeben'.

Drei Vokabeln für 'hinschauen' sind nur in bestimmten Gegenden gebräuchlich:

Merkwürdig ist das Nebeneinander von süddeutsch gucken gegenüber norddeutsch kucken und kieken. Da k in einigen Dialekten wie g gesprochen wird, wurde das gehörte gucken im Norden fälschlich als schriftdeutsches kucken verstanden. Das umgekehrte ist bei hessisch gieken 'stechen' passiert: Es entspricht dem plattdeutschen Kieken, das sich erklären lässt als 'mit den Augen stechen, einen Blick werfen'.

Gucken hat eine andere Geschichte als kieken. Es bedeutet 'neugierig hinausschauen', wie der kleine Guck-in-die-Welt aus den Augen, ursprünglich aus einem Versteck oder aus dem Fenster (zu indogermanisch gheug'h- 'verstecken').

Das süddeutsche lugen 'Ausschau halten' entspricht englisch look 'blicken'. Es gehört zu Licht, ist aber beeinflusst von althochdeutsch luog 'Lager, Schlupfwinkel' und hat sich in seiner Bedeutung an gucken angenähert.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 30.08.2011

Aktuell: 26.07.2016