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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ohren auf Durchzug

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wir haben hinten keine Augen und sehen nur, was vor unsren Augen ist. Wie können wir Gefahren erkennen, die von hinten kommen, ob menschliche Angreifer, wilde Tiere oder schnelle Fahrzeuge? Dafür haben wir unsre Ohren. Der Schall breitet sich nicht wie das Licht gradlinig, sondern wellenförmig aus und erreicht unsere Ohren von allen Seiten.

Wie der Mund, mit dem wir sprechen, sind auch unsre Ohren Körperöffnungen, die tief in den Schädel hineinführen. Ausdruck dafür ist lateinisch auris (aus ausis) 'Ohr', das ähnlich gebildet ist wie ôs 'Mund'. Beides sind Ableitungen von indogermanisch evis- 'Körperöffnung'.

Hören hat nichts damit zu tun. In germanisch hausjan 'hören' verbirgt sich indogermanisch keu(s)- 'wahrnehmen'. Damit verwandt ist nicht nur Akustik 'Lehre vom Schall', sondern auch Wörter, die 'Auge, sehen' bedeuten (schauen aus s‑keu-).

Dass horchen von hören kommt, leuchtet ein. Das erkennen wir auch an den Weiterbildungen gehorchen und gehor-sam, das nicht aus "gehorch-sam" verkürzt ist, sondern von hören kommt. Umschreiben lässt sich dieser Begriff mit 'tun, was man hört'.

Weniger deutlich ist, was hinter gehören steckt. "Wem gehört dieser Kuli? – Das ist meiner", mein Eigentum. Ein Schreibstift kann weder hören noch gehorchen. Aber ein Hund. Im Idealfall "gehört" er nicht nur seinem Herrn, sondern "gehorcht" ihm auch. Die Bedeutung 'zu eigen sein' wurde von hörenden Lebewesen auf leblose Gegenstände übertragen.

Wenn sich jemand daneben benimmt, empfinden wir dies als ungehörig und sagen "das gehört sich nicht", das passt nicht in diese Situation. Auf dem Fußballplatz ist Schreien erlaubt, aber nicht in der Kirche. Es würde auch als ungehörig empfunden, wenn jemand bei einem Spiel einen Vortrag halten wollte. Wir können umschreiben: "Es ist für diese Gelegenheit eigentümlich – oder nicht".

Wenn wir etwas nicht sehen wollen, schließen wir die Augen. Die Ohren aber haben keine Klappen. Wir müssen jede Art von Schall anhören. Die Ohren zuhalten nützt nicht viel, und sie "auf Durchzug stellen" funktioniert nur in der Redensart, nach der das Gesagte "zum einen Ohr rein, zum andern wieder raus" geht. Tatsächlich können wir aber unerwünschte Höreindrücke ausblenden, wenn wir uns auf etwas konzentrieren. Wir sind dann beim Musikhören oder für den Gesprächspartner "ganz Ohr" und ignorieren, was andere sagen, oder die Störgeräusche der Umgebung.

Wenn aber etwas Wichtiges bekannt gegeben wird, dann hören alle auf den Sprecher, unterbrechen ihr Gespräch und hören auf mit dem, was sie gerade getan haben. So bekam aufhören die Bedeutung 'eine Tätigkeit beenden'.

 

 

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Echo Online | Begriffe Sitte | Sprachecke 25.02.2014 | 25.02.2014

auch in Tinnitus Forum 2-2012 S. 68

 

Datum: 06.09.2011

Aktuell: 15.11.2016