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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Geschmacksache

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Dem einen gefällt's, dem anderen nicht. Es hat keinen Sinn darüber zu streiten. Denn "die Geschmäcker der Gestecker sind verschieden." Geschmack ist hier der Sinn für Schönes. Wir empfinden bestimmte Geschmäcke und Gerüche als angenehm, bestimmte Farbkombinationen, Tonfolgen und Formen als wohlgefällig, andere als unangenehm und abstoßend.

Geschmack im engeren Sinn ist, was wir mit der Zunge wahrnehmen: süß, sauer, salzig, bitter und umami (japanisch 'Geschmack, Schönheit'), das Kennzeichen eiweißhaltiger Nahrungsmittel.
Was wir als wohlschmeckend empfinden, riecht auch gut. Geschmack und Geruch lassen sich nicht trennen.

Das merken wir, wenn wir die Wörter schmecken und riechen untersuchen: Schmecken bedeutet in den süddeutschen Dialekten auch 'riechen'. Doch das ist eine jüngere Entwicklung. Die germanischen Verwandten beziehen sich nur auf die Zunge. Bemerkenswert ist aber die Ähnlichkeit von schmecken mit schmauchen, englisch smoke 'rauchen' und altenglisch sweccan 'riechen'. M und W sind manchmal Varianten desselben Lautes wie bei deutsch mit, englisch with und der mundartlichen Verwechslung von wir und mir.

Bei schmecken müssen wir mühsam überlegen, was das mit der Nase zu tun hat. Das Umgekehrte ist bei riechen einfacher, denn die baltischen Verwandten bezeichnen unangenehme Geschmacksrichtungen (altpreußisch ructan 'sauer', lettisch rûgts 'bitter, herb'). Deutsch riechen hat ursprünglich nicht 'schnuppern, duften' oder 'stinken' bedeutet, sondern 'rauchen'. Wie bei stieben / Staub, triefen / Traufe haben auch riechen / Rauch regelmäßigen Ablaut-Wechsel.

Wenn wir noch hessisch ille-richen 'wiederkäuen', griechisch e-réug-esthai 'sich erbrechen' und lateinisch ructare 'rülpsen' berücksichtigen, kommen wir auf eine Grundbedeutung 'Gase ausstoßen'. Das  geschieht ja auch, wenn etwas raucht. Mit der Nase nehmen wir gasförmige Stoffe wahr.

In der Standardsprache bezeichnet Duft heute ausschließlich den 'Wohlgeruch'. In den Mundarten hat sich noch die ältere Bedeutung 'Dunst' gehalten. Auch die griechische Verwandte typhos konnte 'Dunst' bedeuten, darüber hinaus 'Dampf' und 'Rauch'. Von der dazugehörigen Hitze hat die Typhus-Krankheit ihren Namen. In der Forstwirtschaft ist Duft der gefrorene Dunst, der 'Raureif'.

Stinken ist heute das Gegenteil von duften. Die altenglische Nebenbedeutung von stincan, 'dampfen, ausdünsten' führt auf indogermanisch s-dhem-gu-ana, verwandt mit dhom-b-os, deutsch Dampf. Dazu passen zwei nordische Dialektwörter: schwedisch stimba 'dampfen', norwegisch stamba 'stinken'. Auch hier erkennen wir den sachlichen Zusammenhang von riechen und Rauch, Dunst, Dampf und Gasen.

 

Leserbrief

Ihr heutiger Artikel  "Geschmacksache " hat  bei mir eine uralte Frage meiner Familie wieder aufgewärmt: Warum beurteilen wir unsere Sinneswahrnehmungen so unterschiedlich? Wir sagen "das schmeckt gut" obwohl dasjenige gar nicht schmecken kann, sondern ich schmecke Wir sagen "das riecht gut ", obwohl es auch nicht riechen kann, sondern  ich rieche.

Müssten wir also besser sagen  " as schmeckt  mir gut"  oder  der Geruch ist gut"? Dagegen sagen wir  nicht  "das hört gut , sondern  "das hört sich gut an", " das sieht gut" sondern

"das sieht gut aus", "das fühlt gut", sondern  " das fühlt sich gut an." Beim Lesen Ihres o.g. Artikels kam ich auf den Gedanken. dass dieser  Unterschied etwas mit der Herkunft dieser Begriffe zu tun haben könnte.

 

Meine Antwort

Es ist richtig, dass schmecken und Riechen sowohl das Senden als auch Empfangen und Auswerten von Nervenimpulsen bezeichnen (munden / kosten; stinken bzw. duften / schnuppern). Dies ist bei sehen, hören, fühlen nicht der Fall .

Auf meiner Seite riechen habe ich dargestellt, dass riechen ursprünglich 'Gase ausstoßen, rauchen' bedeutet hat, daher auch 'stinken/ duften'.  Die heutige zweite Bedeutung 'mit der Nase wahrnehmen' ist noch ziemlich jung.

Bei schmecken dagegen scheint 'mit der Zunge wahrnehmen' die ältere Bedeutung zu sein.

Nach dem heutigen Sprachgebrauch kann man beides sagen: "Es schmeckt / riecht" und "ich schmecke, rieche".

Warum ist der Sprachgebrauch so ungenau? Weil Geschmack, Geruch und das Tastgefühl für einen Nichtbehinderten nur untergeordnete Rollen spielen. Wir orientieren uns mit den Augen und verständigen uns mit Schallwellen, also mit Mund und Ohren. Der Geschmack hat nur eine eingeschränkte Funktion: Wir prüfen damit ob eine Speise genießbar ist. Saure Früchte sind noch nicht reif, bittere Stoffe können giftig sein. Salz ist in gewissem Maße lebensnotwendig, aber viel Salzwasser trinken ungesund. Umami zeigt an, dass das Essen das lebensnotwendige Eiweiß enthält. Diese fünf Geschmäcke kann jeder unterscheiden und benennen. Mehr brauchen wir nicht zu wissen.

Anders beim Geruch. Wir nehmen die Gasmoleküle nicht einzeln wahr, sondern nur größere Mengen davon, und die sind selten chemisch rein. Wir haben Schwierigkeiten, einen Geruch zu benennen, da er mit Erlebnissen und Gefühlen verbunden ist, die in ganz anderen Hirnregionen verarbeitet und gespeichert werden. Wir sagen daher meist "es riecht nach Rauch, Rosen, Schwefel", kaum "es riecht rauchig, schweflig" und "rosig" überhaupt nicht. Wichtiger als Gasmoleküle oder Geruchskategorien ist für uns, die Quelle des Geruchs ausfindig zu machen. So findet der Hund Hasen und Haschisch und wir merken, dass es irgendwo raucht, also brennt oder angebrannt ist. Die ansteckende Kartoffelfäule ist so freundlich, dass sie stinkt, so dass wir die befallenen Knollen leicht aussortieren können.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 13.09.2011

Aktuell: 16.02.2018