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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Von Ingen und Lingen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Weibliche Wörter auf -e trugen bis vor kurzem diese Endung nur im Nominativ, alle anderen Fälle hatten -en: "die Sonne / der Sonnen", daher die Zusammensetzung Sonnenschein. So machte man das auch mit den Vornamen, wie wir an Zusammensetzungen wie Elisabethenstift, Marienkäfer erkennen können. Ingen könnte also die Mehrzahl von Inge sein. Und Lingen ist eine Stadt an der Ems, benannt nach einer Linge 'Wasserlauf'.

-ing und -ling sind aber auch Anfügungen als Mittel der Wortbildung:

-ing kommt im Deutschen nur noch in einigen Resten vor wie Hering, früher auch in küning 'König', pfenning 'Pfennig', in englischen Wörtern wie Camping, Training sowie in historischen Namen von Personengruppen (Karolinger, Thüringer) und Siedlungen (Solingen, Schwabing). Was im Englischen -ing ist (Camping 'das Campen'), ist bei uns -ung (Wohnung 'das Wohnen'). Auch bei einigen Namen wurde -ing durch -ung ersetzt (1002 Bezcingon, heute Bessungen).

Weitaus häufiger sind im Deutschen die Wörter auf -ling, das durch falsche Abtrennung entstanden ist aus Wörtern mit -l, und das als eigene Ableitungssilbe dient: Der Stichl-ing ist ein Fisch mit Stacheln, zu Stichel 'ein Stechwerkzeug'. Wer diesen Zusammenhang nicht erkennt, versteht Stich-ling, weil der Fisch "sticht". Der alte Münzenname Schilling bedeutet 'wie ein Schildchen' (keltisch sceiton 'Schild'): Die keltischen Münzen waren gewölbt und verziert wie die Abwehrwaffe.

Die Liste der Wörter mit -ling ist lang. Ein paar interessante Vertreter: Der Elbling ist eine alte Weißweinrebe (zu lateinisch albus 'weiß') und wurde schon von den Römern angebaut. Bekannter ist der Riesling (aus resining zu französisch raisin 'Traube'). Der zarte Schmetterling ist zu schwach zum "schmettern". Wie bei seinen anderen Namen Buttervogel, Milchdieb, englisch butterfly 'Butterfliege' glaubte man, dass er nicht Nektar, sondern Butter, Milch und Schmetten 'Sahne' nascht. Schmetterling heißt das voll ausgebildete Insekt. Seine Larve ist die Raupe, nicht der Engerling, das Baby des Maikäfers, das im "Anger" wühlt. Einigen dieser Bildungen haftet noch an, dass -(e)l- eine Verkleinerungssilbe ist: Liebling ("Liebchen"), englisch darling (zu dear 'lieb'), Sperling (neben Spatz, dessen -tz dieselbe Funktion hat).

Inge und Ingo haben damit nichts zu tun. Ingwio war der sagenhafte Vorfahre der Ingwäonen, einer germanischen Stammesgruppe an der Nordsee. Ingw- bedeutet 'bei der Hand (indogermanisch en gouei), nahestehend, verwandt'. Mit Ing- zusammengesetzt sind eine Anzahl Namen, die seit 1930 aus Skandinavien übernommen wurden. Dazu gehört auch Ingrid aus altnorwegisch Inge-red, Inge-rid. Das zweite Glied ist germanisch rêdas 'Rat'.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 20.09.2011

Aktuell: 29.06.2016