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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ja oder Nein

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Nicht wirklich" ist 'unwirklich, erfunden, phantastisch'. Warum sagt man aber "nicht wirklich" statt "nein"?

Eigentlich ist es ganz einfach: Wir brauchen nur Ja oder Nein zu sagen, da weiß jeder, woran er ist. Oft aber drücken wir uns vor einer klaren Aussage, vertrösten mit "vielleicht", haben Bedenken mit "ja, aber" oder begnügen uns mit einem unentschiedenen "Jein".

Ist der Computer gescheiter als wir? Er kennt nur Ja oder Nein, An oder Aus, 1 oder 0. Er rechnet mit Bits (Ja-/ Nein-Entscheidungen). Unser Gehirn aber rechnet mit Zwischenwerten, also Bruchteilen von Bits: "auf gar keinen Fall – nein – kaum – jein – vielleicht – ja – ganz sicher." Wir sind nicht von allem überzeugt und haben unsre Bedenken. Es kann also nicht nur Ja und Nein geben, sondern wir müssen auch die Zwischenstufen benennen können. Wozu aber brauchen wir mehrere Ausdrücke für die entschiedene Zustimmung oder Ablehnung?

Es ist in der Sprachgeschichte öfter vorgekommen, dass das etwas blasse und unscheinbare Verneinungswort durch einen Zusatz aufgepeppt wurde, damit man es überhaupt wahrnimmt. Ursprünglich lautete es ne oder ni, und das ist wirklich sehr wenig. Darum hat man es erweitert zu ni ie 'nicht immer', ni ie wicht 'kein Ding', ni ein 'nicht ein', ne-ch ein 'auch nicht ein', ni mêr 'nicht mehr', und in der Folgezeit wieder verschliffen zu nie, nicht, nein, kein, nimmer. Ähnlich französisch ne ... pas 'kein Schritt, nicht' und ne ... rien 'nicht etwas, nichts'. Um diesen heutigen Wörtern erneut Gewicht zu verleihen, hat man sie nochmals verstärkt: "gar nicht, überhaupt nicht, keineswegs, nie und nimmer, nimmermehr, nein und nochmals nein".

Das englische "not really", neudeutsch "nicht wirklich" ist keine Verstärkung, sondern eine zaghafte Verneinung: "Ich wage es ja nicht zu sagen, aber es ist nicht so." Die aus dem Englischen stammende Wendung muss richtig übersetzt werden mit "eigentlich nicht".

Auch ja ist ein kurzes Wort und kann leicht überhört werden. Dazu gibt es ebenfalls Verstärkungen: jawohl, ja doch oder Umschreibungen: "natürlich, selbstverständlich, na klar". Auf verneinte Fragen antworten wir mit doch: "Gelt, du gehst nicht mit? - Doch!" Ein "Ja" könnte bestätigen, dass die Vermutung richtig ist. Auch "Nein" wäre missverständlich.

Das ungewisse "Jein" ist ein junges Wort und erst nach 1950 aufgekommen. Aber auch "Ja" und "Nein" sind relativ spät entstanden. Das zeigt das Lateinische, das umschreiben musste: "Bist du fertig? - So ist es." "Kommst du morgen? - Ich komme nicht." Die romanischen Sprachen haben si und no(n), aus lateinisch sic 'so' und non 'nicht'. Französisch oui 'ja' kommt über o il von lateinisch hoc ille 'das (tut) er'.

 

 

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Echo Online

 

Datum:  07.02.2012

Aktuell: 26.07.2016