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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Adieu, Mademoiselle

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserbrief:

engl. damsel 'Fräulein'

 

Nach unserm Fräulein hat nun auch die französische Mademoiselle ausgedient. Warum gab es diese Bezeichnungen?

Französisch ma demoiselle 'mein Fräulein' war Anrede an eine demoiselle, aus lateinisch domin-ic-ella 'Fräulein', eine Verkleinerung von domina 'Frau, Herrin'. Die deutsche Kurzform Mamsell bedeutet 'Hausangestellte'.

"Fräulein" nannte man vor hundert Jahren eine unverheiratete Frau gleich welchen Alters. Zwischen 1937 und 1972 hat sich allmählich durchgesetzt, dass man weibliche Erwachsene als "Frau" anredet, so wie jeder erwachsene Mann "Herr" genannt wird.
Die Unterscheidung zwischen verheirateten und unverheirateten Menschen stammt noch aus einer Zeit, in der es wichtig war, welchem Stand man angehörte. Da gab es Adlige und Bürgerliche. Der Titel wurde auch bei der Anrede berücksichtigt. Die Gattin eines Geheimrats war die "Frau Geheimrat", die eines Arztes die "Frau Doktor", die eines Geistlichen fast bis in die Gegenwart die "Frau Pfarrer". Zu den Ständen zählte auch der Familienstand: unverheiratet, verheiratet, verwitwet. Man unterschied bei den Frauen "Fräulein / Frau / Witwe Bolte". Die Standesunterschiede zeigten sich auch bei der Garderobe.

Heute darf der Stand im öffentlichen Leben keine Rolle mehr spielen. Es geht keinen etwas an, ob jemand allein lebt, verheiratet ist oder zwei unverheiratet zusammenleben. Nur beim Bundespräsidenten will man andere Maßstäbe anlegen. Sind vor dem Gesetz doch nicht alle gleich? Und eigentlich bräuchten wir auch nicht mehr zu unterscheiden zwischen "mein Mann, Ihre Gattin" und "meine Freundin, mein Partner".

Warum gab es "Fräulein", aber keine "Herrlein"? Das war weniger eine Frage des Familienstandes als des Rechtsstatus: Wo es etwas zu vererben gab, musste man zusehen, dass das Erbe nicht zerstückelt wurde. Es war einfacher, wenn die nachgeborenen Geschwister unverheiratet blieben. So war es noch bis in unsre Zeit auf den Bauernhöfen. Dort wohnte oft noch eine Schwester oder ein Bruder des Hoferben und arbeitete mit. Und es gab durchaus "Herrlein", nur dass man sie anders nannte, zum Beispiel Junggeselle, eigentlich ein unselbständiger Handwerker, der keine Familie gründen konnte. Auf dem Hof wohnten außer dem Herrn und der Madame auch noch die Altbauern, Herrchen und Frauchen genannt, nicht weil sie von Statur kleiner waren, sondern weil sie nichts mehr zu sagen hatten. Beim Adel gab es den Junker, ursprünglich 'der junge Herr', später allgemeine Anrede und Titel. Die Franzosen unterschieden die bürgerliche (ma)demoiselle 'Fräulein' von der adligen damoiselle 'Edelfräulein' und dem damoiseau 'Edelknappen, Junker'.

 

 

   


Leserbrief:
Ich bedanke mich für einen Hinweis auf den veralteten englischen Begriff damsel '(adliges) Fräulein'.

   

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Echo Online

 

Datum: 29.02.2012

Aktuell: 26.07.2016