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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Fremde Bedeutungen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Auch wenn wir Fremdwörter auf Deutsch übersetzen, lassen wir uns von ausländischen Gedanken beeinflussen.

Der mittelalterliche Dichter Walther von der Vogelweide lässt ein Mädchen schwärmen von ihrem Schäferstündchen "unter der Linden": "kust er mich? wol tûsentstunt - küsste er mich? wohl tausendmal", nicht tausend Stunden lang. Stunt, stunda hat hier noch den ursprünglichen Sinn von 'Mal'. Die heutige Bedeutung 'Teilabschnitt des Tages' wurde von lateinisch hora übernommen.

Torwart gab es schon im 11. Jahrhundert, das gotische daurawards ("dorra-uuards") sogar schon um 350. Gemeint war nicht der Fußballspieler, sondern der 'Pförtner'. Das moderne Wort bekam seine heutige Bedeutung als Übersetzung von englisch goal keeper, eigentlich 'Zielwächter', als nach 1874 das englische Spiel in Deutschland eingeführt wurde.

Dass Vokabeln ihre Bedeutungen erweitern oder verändern, ist ein ganz normaler Vorgang: Der Wagen wurde ursprünglich von Tieren gezogen. Heute wenden wir dieses Wort nicht nur auf die altertümlichen Fuhrwerke an, sondern auch auf das Auto. Der Herd war ursprünglich die offene Feuerstelle in der Küche. Ein heutiger Herd sieht ganz anders aus, hat aber immer noch den alten Namen. Bei Stunde und Torwart haben deutsche Wörter die Bedeutung eines Fremdworts adoptiert. 'Teil des Tages' und 'Fußballspieler' sind "Lehnbedeutungen".

Oft ist es schwierig, solche Beziehungen zu erkennen. Herzog ist ein altes germanisches Wort für 'Heerführer'. Ist das dem griechischen strategós 'Heerführer' nachempfunden? Dann wäre Herzog eine "Lehnübersetzung". Eher wahrscheinlich ist aber, dass dieser Titel unabhängig vom Griechischen ist. Viele Völker wählten für den Krieg einen eigenen Anführer, der nach dem Krieg wieder zurücktrat. Warum sollten Griechen und Germanen nicht unabhängig voneinander denselben Begriff gebildet haben?

Bei Lehnübersetzungen wurde ein ausländischer Begriff in der eigenen Sprache nachgebildet. So wurde Demokratie zu "Volksherrschaft" und Theater zu Schauspiel. Oft waren das Versuche, Fremdwörter durch deutsche Prägungen zu ersetzen.

Auch das oben erwähnte Schäferstündchen ist eine Lehnübersetzung, und zwar von französisch heure du berger. Was hat das traute Zusammensein unterm Baum mit dem Schafhirten zu tun? Das kam so: Die Bauern schickten ihre halbwüchsigen Kinder zum Viehhüten. Die taten sich oft zusammen und vertrieben sich gemeinsam die Zeit. In der frühen Neuzeit entzündete sich die erotische Phantasie der naturentwöhnten feinen Leute am vermuteten Treiben von Schäfer und Schäferin und führte zu einer eigenen Literaturgattung, der Schäferdichtung. Letzter Nachklang davon ist das Schäferstündchen.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 13.03.2012

Aktuell: 01.11.2017