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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Worthülsen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn jemand redet und nichts zu sagen hat, reiht er Phrase an Phrase. Aber nicht immer sind vorgefertigte Textbausteine verwerflich.

Ein Vereinsvorsitzender berichtete von den beachtlichen Aktivitäten des vergangenen Jahres, aber kaum jemand hörte zu, die Vereinsmitglieder unterhielten sich ungeniert mit ihren Nachbarn. Der Redner sagte ihnen nichts Neues. Noch schlimmer ist, wenn jemand reden muss, aber nichts zu sagen hat und sich hinter Phrasen versteckt. Griechisch phrásis war die 'Redensart', eigentlich die 'Aussage' allgemein. Heute bezeichnet Phrase fachsprachlich einen Satzteil oder ein entsprechendes Gebilde in der Musik, im gewöhnlichen Sprachgebrauch eine nichtssagende Formulierung: Wenn einer verspricht, er werde alles tun, um die Missstände zu beseitigen, wird sich ja zeigen, ob er damit ernst macht, sonst sind das hohle Phrasen.

Ähnliche Begriffe sind Floskeln, Formeln, Gemeinplätze.

Eine Floskel war ursprünglich ein "Blümchen" (zu lateinisch flos 'Blume'), mit dem man seinen Text verzierte. In einer Theaterkritik kann stehen, dass am Schluss die Zuschauer klatschten. Das tun sie fast immer. Also schreibt der Berichterstatter von "donnerndem Applaus", "frenetischem Beifall", "stehenden Ovationen" oder "mehreren Vorhängen". Das sind Floskeln, die man bei vielen Gelegenheiten verwenden kann.

Deren Gebrauch ist in jedermanns Belieben gestellt. Das unterscheidet sie von Formeln, deren Wortlaut üblich oder sogar Vorschrift ist, wie bei den vorgeschriebenen Worten eines Eides oder bei Sätzen in amtlichen Schreiben, die wortwörtlich drin stehen müssen, damit der Bescheid rechtskräftig ist.

Gemeinplätze ist Lehnübersetzung von englisch commonplaces. Dies ist übersetzt aus lateinisch loci communes 'allgemeine Beweismittel'. Gemeint waren Zitate von Autoritäten, auf die sich die mittelalterlichen Gelehrten beriefen. Die wichtigsten Texte waren in Lehrbüchern zusammengestellt, die ebenfalls Loci Communes 'allgemeine Stellen, Grundbegriffe' hießen.
Heute gebraucht man Gemeinplatz im Sinne von etwas, was jeder weiß, nichts Neues bringt und keinen Informationswert hat. Man kann Zuhörer oder Leser damit langweilen, dass man Sätze rezitiert wie Kants "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit". Wenn einer solche Gemeinplätze verwendet, erweckt er den Eindruck, dass er nicht viel verstanden hat und nichts Eigenes zu sagen hat.

Aber nicht immer ist es ein Zeichen von Geistlosigkeit, wenn jemand seinen Text mit Zitaten schmückt. Niebergalls "Der Tolle Hund" und "Datterich" sind gespickt mit zum Teil heute noch gängigen Redensarten und trotzdem pfiffig und amüsant geschrieben.

 

 

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Echo Online

 

Datum:  20.03.2012

Aktuell: 26.03.2016