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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Palmen am Sonntag

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Palmen tragen Datteln. Die Palmzweige, die am Sonntag vor Ostern geweiht werden, sind ganz anderer Natur.

Der Sonntag vor Ostern heißt Palmsonntag, weil er an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert: Jesus ritt auf einem Esel in die Heilige Stadt. Die Menschen jubelten ihm zu, legten ihre Mäntel und Zweige auf den Weg[1] und hielten Palmzweige in den Händen.[2]

Gemeint sind die Zweige der Dattelpalme. Lateinisch palma bezeichnete nicht die Baumart, sondern den jungen Pflanzentrieb (beim Weinstock sagte man palmes), zu pellere 'treiben'. Da der Dattelbaum in Italien nicht heimisch ist, scheint palma ursprünglich einfach ein grüner Zweig gewesen zu sein. Der Begriff wurde später auf den Palmwedel und den ganzen Baum übertragen.

Der Name der Dattel kommt über griechisch dáktylos 'Finger', auch 'Dattel', von aramäisch diqlâ 'Dattelpalme'. Der altdeutsche Name war Dachtel, heute im Sinn von 'Ohrfeige' gebraucht. Mit Feigen, Datteln, Äpfeln verglich man die Schwellungen, die durch Schläge entstehen können. Das jetzige Dattel wurde im 13. Jahrhundert aus altitalienisch dattilo übernommen. Heute sagen die Italiener dattero.

In der katholischen Kirche findet am Palmsonntag die Palmweihe statt. Bei uns nimmt man das, was um diese Jahreszeit an grünen Zweigen zur Hand ist: Weide, Hasel, Buchs und Wacholder, dazu Stechpalme. Deren Verwendung im Palmstrauß gab vor 1500 der ganzen Pflanze ihren Namen. Vorher hieß sie Huls(t), englisch holly, wortverwandt mit Holunder. Auch die Salweide hat man zur Palme ernannt, daher sagt man in einigen Gegenden Palmweide.

In der orthodoxen Kirche heißen die "Palmen" váia 'Zweige' aus altägyptisch baret 'Busch, Büschel'. Auch in Osteuropa behilft man sich mit Weidenzweigen.

Der christliche Palmzweig hat eine Parallele im jüdischen Brauchtum am Laubhüttenfest im Herbst. Da werden nach den Anweisungen der Thora[3] Palme, Myrte und Weide zu einem Strauß gebunden, den man in der rechten Hand hält. In der linken hat man eine Art Zitrone, den Etrog. Das jüdische Vorbild erklärt, warum Kätzchen zu einem Palmstrauß gehören: Weidenzweige sind im Frühjahr kaum ohne Blütenstände zu haben.

Eine südhessische und rheinhessische Besonderheit war der Palmhase, der am Palmsonntag jedem ein einzelnes Ei legte - eine verschwommene Erinnerung an den hölzernen Palmesel, der bei Umzügen mitgeführt wurde und dem man in manchen Gegenden gefärbte Eier ins Hinterteil legte.[4] Den Palmesel gibt es in Rheinhessen schon seit 200 Jahren nicht mehr,[5] der Eierbrauch hat sich gehalten und wurde dem Hasen zugeschrieben. Unsre Mutter pflegte ihn mit einer Suppe aus Zwiebelschalen anzulocken, in der sie die Eier färbte.

 

 

 

 

[1] Markus 11,8

[2] Johannes 12,13

[3] Levitikus 23,40

[5] Südhessisches Wörterbuch 1,556

 

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Sprachecke 06.04.2004

 

Datum: 03.04.2012

Aktuell: 17.02.2017