Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Weidmanns Lust

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

Färberwaid

Viehweide

Weidenbaum

 

Weide als Baum und als Wiese, Weidmann und Waidmann, Eingeweide, Färberwaid: Was gehört zusammen, was nicht?

"Der Weidmann weidet sich an der weidenden Herde unter der Weide" - ein echter Waidmann würde sagen "dem äsenden Rudel". Der Jäger ergötzt sich also an den grasenden Hirschen unter einem Baum und schreibt sich "Waidmann", Standardschreibung ist "Weidmann".

Im Hochdeutschen lassen sich Weide als 'Baum' und als 'Wiese' kaum unterscheiden, wenn man nicht den ganzen Satz hört oder liest. Die Wörter werden gleich gesprochen und gleich geschrieben. Nicht so in älteren Sprachzuständen: hessisch Weid (Baum) / Waad (Wiese), pfälzisch Weid / Wääd, mittelhochdeutsch wîde / weide.

Der Name der Viehweide ist eng verbunden mit dem Wort für 'Jäger': Germanisch weidja war die 'Jagd'. Althochdeutsch weida bezeichnete nicht nur das Jagen und Fangen, sondern auch die Beute und wozu man sie verwendet: als Nahrung. Huftiere ernähren sich von Gras, das auf der Wiese wächst, so bekam Weide auch die Bedeutung 'Fressplatz' und weiden die Bedeutung 'Gras fressen'. Auch die Augen brauchen Nahrung, daher nannte man schon im 13. Jahrhundert einen schönen Anblick Augenweide. Deshalb können sich Naturfreunde und Jäger am Anblick des äsenden Rotwildes weiden.

Wenn der Weidmann ein Tier geschossen hat, weidet er es aus und nimmt die Eingeweide heraus. Um 1200 sagte man einfach geweide 'was zur Jagdbeute gehört, besonders die Innereien'. Bei Schlachttieren sprach man von geslechte. Um deutlich zu machen, dass es sich um die inneren Organe handelt, bildete man îngeweide, îngeslechte. Ausweiden bedeutet 'das Geweide herausnehmen'.

Der Weidenbaum hat nichts damit zu tun. Sein Name ist verwandt mit lateinisch vîtis 'Weinrebe', litauisch vytìs 'Weidengerte', eigentlich 'biegsamer Zweig': Weidenzweige werden zu Körben geflochten. Die Zweige werden regelmäßig von Kopfweiden geschnitten, die am oberen Ende eine kopfähnliche Verdickung bilden.

Die Salweide, früher auch Sale, wächst im Unterschied zu anderen Weiden auf trockenem Boden. Dieser uralte Name der Weide ist verwandt mit lateinisch salix und ähnlichen Vokabeln bei den Jakuten in Ostsibirien, Basken und Ägyptern. In anderen Sprachen sind andere Baumarten gemeint. Das alteinheimische Sale und das indogermanische Weide waren konkurrierende Wörter, die in der Salweide friedlich vereint sind.

Ein drittes Wort ist heute kaum noch bekannt, der Waid, eine Pflanze, aus der ein blauer Farbstoff gewonnen wurde, wie das Veilchen benannt nach der Farbe. Die Schreibung mit ai und die verdeutlichende Zusammensetzung Färberwaid sollen dieses Wort von den beiden anderen unterscheiden.

 

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

Begriffe Baum

 

Datum: 17.04.2012

Aktuell: 27.05.2017