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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Mutabor

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Es kann peinlich werden, wenn wir mit den Gedanken nicht bei der Sache sind und Passwörter vergessen.

Davon erzählt Wilhelm Hauf (1826) in seiner "Geschichte vom Kalif Storch": Ein Krämer verkauft dem Kalif von Bagdad ein Pulver, mit dem man sich in ein Tier verwandeln kann. Der Kalif und sein Großwesir probieren es gleich aus und werden zu Störchen. Nachdem sie das Storchenleben eine Weile genossen haben, wollen sie wieder Menschen sein, haben aber gelacht und deshalb das Zauberwort "mūtâbor" vergessen. Der Krämer, der es darauf angelegt hatte, setzt sich auf den verwaisten Thron. Am Ende wird alles gut, die beiden Störche sind wieder Menschen und der Thronräuber endet am Strang.

Ein Kalif war als Amtsnachfolger (arabisch chalîfa) des Propheten Mohammed oberster weltlicher und geistlicher Herrscher, Kaiser und Papst in einem. Sein Großwesir (persisch wasîr 'Minister') war der Premierminister oder Kanzler.

Die beiden Helden sind gebildete Leute und sprechen fließend Arabisch, Persisch und Türkisch, vielleicht auch Indisch und Griechisch. Sie waren sicher auf einem Elite-Internat. Latein aber haben sie abgewählt mit den Worten "Das braucht doch kein Mensch." Daher können sie sich das Lösungswort nicht merken, das in der ersten Person Singular, Futur Eins, Passiv von mūtâre 'verwandeln' steht: 'Ich werde verwandelt werden'. Jetzt hätte ihnen ein bisschen Latein helfen können.

Hätte ein Deutscher ohne Kenntnisse dieser Sprache die Formel leichter behalten können? Ja. Denn es gehört "Mut" dazu, die Droge des Zauberers zu schnupfen, und man muss so etwas wie "Maut" für den Ausflug in die Luft bezahlen. Anders als beim Berg "Tabor" ist es gar nicht so einfach, in die Niederungen des Lebens zurückzufinden. Dem Rausch folgt der Kater. Die beiden Spitzenpolitiker hätten also gewarnt sein müssen.
Aber Kalif und Wesir sprachen doch arabisch, nicht deutsch! Auch da hätten sich Eselsbrücken gefunden: Sie hätten sich denken können, dass sie nach ihrer Verwandlung ziemlich mutabárrim
[1] 'verdrossen' sein würden. Das Wort maut 'Tod' hätte ihnen eine Warnung sein müssen.

Hier geht es also nicht um Etymologie, sondern um Mnemotechnik, die Kunst sich etwas zu merken. So könnte man sich auch das Wort Wesir einprägen: Er war der Verweser 'Stellvertreter' seines Chefs.
Dieses altertümliche Wort kommt von althochdeutsch wesan 'sein'. Die Vorsilbe ver- macht dieses Wort transitiv: "Er west (ist) in diesem Amt – er verwest das Amt."
Das uns geläufigere verwesen 'sich zersetzen' stammt von althochdeutsch wesanen 'welken', firwesanen 'alt werden', seit 1500 auch 'verfaulen'. Hier deutet ver- an, dass ein Vorgang zu Ende geht wie in brauchen / verbrauchen.

 

[1] arab  برم barama 'einen Strick drehen',  ʔa-barama 'ratifizieren, ta-barrama 'verdreht, ärgerlich unzufrieden sein', Partizip mu-ta-barrim 'verdrossen'

 

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Echo Online

 

Datum: 08.05 .2011

Aktuell: 26.07.2016