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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Scheidekunst

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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1670 versuchte der Sprachreformer Philipp von Zesen[1] das Fremdwort Chemie mit Scheidekunst zu verdeutschen.

Ein Teil der Arbeit eines Chemikers besteht ja darin, aus Mineralien und anderen Substanzen den gewünschten Stoff in möglichst reiner Form darzustellen, etwa Metall aus Erz heraus zu schmelzen und von unerwünschten Beimengungen zu "scheiden".

Eine andere Tätigkeit bewirkt das Gegenteil, nämlich Substanzen zusammenschütten und mischen. Auch so hat man zu Zesens Zeit Chemie Web verstanden, als Nachkomme von griechisch khymeía 'Vermischung'. Deshalb schrieb man damals "Chymia". Im 18. Jahrhundert besann man sich wieder auf die lateinische Schreibung chimia, die auf altgriechisches khêmeía 'Chemie' zurückgeht. Deshalb hat man dann im 19. Jahrhundert die heutige Schreibung "Chemie" eingeführt.

Genauso verworren ist die Aussprache: umgangssprachlich nach französischer Gewohnheit "Schemie", süddeutsch wie im Kirchenlateinischen "Kemie" und hochdeutsch mit ch wie in "ich".

Am schwierigsten zu entwirren ist aber die Entstehungsgeschichte dieses Wortes. Es wurde uns von der Arabern vermittelt. Die heutigen Araber unterscheiden die moderne wissenschaftliche kîmijâ 'Chemie' von der erfolglosen alten chîmijâ 'Goldmacherkunst' (mit ch wie in "ach"). Die Spanier setzten den arabischen Artikel al- davor und schufen so das Wort alquimia, gesprochen mit k.[2] So können wir heute die wissenschaftliche Chemie von der mittelalterlichen Alchimie unterscheiden.

Heimat der Alchimie war die ägyptische Gelehrtenstadt Alexandria. Dort gab es zur Zeitenwende eine ganze Bücherei, die dem Hérmês Trismégistos[3], dem 'dreimalgrößten Gott Hermes' zugeschrieben wurde, der auch einen luftdichten, hermetischen Verschluss erfunden haben soll. Web

Die Chemie scheint also ägyptische Wurzeln zu haben. Aber welche? Die nahegelegene Antwort kommt nicht in Frage: Es handle sich um die "ägyptische Kunst", zu ägyptisch Kême 'Ägypten' Web. Denn so ein Ausdruck ist kaum von den Ägyptern geprägt worden, und Ausländer hätten "ägyptisch" gesagt.
Fremde Sachen nennen wir ja manchmal nach ihrer Heimat: Amerikaner, englisch Turkey 'Truthahn' und china 'Porzellan'. Das Gebäck heißt auf Englisch Black and White Cookies
[4], der "türkische" Puter in der Türkei Hindi 'Inder'[5] und das Porzellan auf Chinesisch cíqì[6]. Am Herkunftsort gebraucht man andere Namen.

Es gibt aber noch eine andere Spur: Eins dieser Bücher, schreibt der Ägypter Zosimos[7], habe den Titel Khêmou gehabt. -ôu ist Pluralendung, kem- war 'vervollständigen, erfüllen' Web. Dann könnte der Titel 'Vervollkommnungen' oder 'Ergänzungen' bedeuten, oder bezogen auf die Alchimie: 'Veredelungen, Goldmacherkunst'.

 

[1] Philipp von Zesen – Wikipedia

[2] Das scheint mir ein Hinweis zu sein, dass die damaligen Araber "kîmijâ und nicht "chimîjâ" gesprochen haben, denn sonst hätten die Spanier ja wohl "aljimia" geschrieben.

 

     

Leserbrief

Bei den Amerikanern gibt es ja laut Wikipedia unterschiedliche Theorien. Ich finde die, dass der Name auf die Zutat Ammoniumhydrogencarbonat zurückgeht, auch ganz schlüssig.  

Die Theorie mit dem "Brodie Helm" kann nicht sein. Diese Helme wurden ja hauptsächlich von Briten verwendet.

 

Meine Antwort:

Bei den Amerikanern hatte ich immer gedacht, dass sie aus Amerika stammen.

Über die Ammoniumhydrogenkarbonat-Erklärung habe ich mich gewundert, denn das ist normales Backpulver, das man auch für andere Rezepte verwendet.

"Ammoniakaner" ist eine gelehrte Erfindung, vielleicht Verwechslung mit den DDR-Ammonspätzchen. Deren Name soll ein Ersatzwort der DDR sein, kann also nicht volkstümlich zu Amerikaner umgestaltet sein, oder weil man den Eindruck vermeiden wollte, es sei Ammoniak drin:

Amerikaner zu Ammonplätzchen | Leserbriefe | ZEIT ONLINE

Seniorenforum

In Hessen hat man den Backpulverkuchen Natronkuchen genannt. Man hat früher zu der Chemikalie Natron gesagt, heute heißt sie Sodium.

Im Kiehnle-Kochbuch aus der Kaiserzeit, (255. Tausend 1955) stehen die absonderlichsten Rezepte, aber keine für Amerikaner, auch kein "Backpulver...", sondern "Natron..." Das bestärkt meinen Eindruck, dass die Amerikaner erst nach dem Krieg durch die Besatzungsmächte bekannt wurden.

 

Truthahn: Da soll es außer dem bekannten großen Puter aus Amerika noch eine kleine Art aus Madagaskar geben, der durch die Türken in Europa bekannt wurde, während der amerikanische durch die Spanier zu uns kam:

Online Etymology Dictionary

Ich fürchte, dass die Türken bloß wegen des englischen Namens als Vermittler angenommen wurden. Bei uns hieß der Vogel Welschgickel, romanischer Hahn, da denkt man eher an Italiener oder Franzosen als an Spanier.

Und türkisch hindi 'Truthahn' ist dasselbe wie Hindi 'Inder'. Ich habe den Eindruck, dass man gar nicht so genau die Herkunft und Handelswege erforschte, als man dem Vogel einen Namen gab, sondern ihn einfach als "ausländisch, exotisch, von weit her" kennzeichnete.

   

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Echo Online | Begriffe: Elemente

Sprachecke  31.07 2012 | 07.08.2012 | 14.08.2012

 

Datum: 21.08.2012

Aktuell: 26.03.2016