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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das Leiden des Elendtieres

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Siegfried hat nicht nur die letzten Großechsen ausgerottet, sondern auch die großen Säuger, oder ihren Bestand gefährdet.

Das Nibelungenlied berichtet von seiner letzten Jagd: "Darnach slug er schiere einen wisent und elch, starcher ure viere und einen grimmen schelch[1]: Danach erschlug er in kurzer Zeit einen Wisent und Elch, vier der starken Auerochsen und einen wütenden Schelch." Der Wisent hat gerade noch überlebt. Die letzte Auerkuh starb 1627.[2] Der "Schelch" ist dermaßen ausgestorben, dass wir nicht mehr wissen, welches Tier gemeint war, vielleicht der Wildhengst. Web Der Elch Web war zur Zeit des Dichters (um 1200) aus Westdeutschland verschwunden. Wenig später lesen wir in einer süddeutschen Fabel[3] von einer Konferenz der Tiere unter Vorsitz des Löwen, da erscheinen als erste "urn und eln", Auerochsen und Elche, eigentlich "elhen", Mehrzahl von "der Elche", einer Nebenform des Tiernamens. Mit Siegfried verabschiedet sich der Elch für 600 Jahre aus der deutschen Sprache. Sein Nachfolger war das Elend, wie der Mond Web mit einem auslautenden -d versehen. Zur Verdeutlichung schrieb man im 18. Jahrhundert "Elendthier".

Im 19. Jahrhundert begann das Leiden des nordischen Hirschs. Im Zeichen des aufkommenden Nationalismus kränkte es die Vaterlandsliebe, dass er einen vermeintlich osteuropäischen Namen trug: Slawisch jelen', litauisch élnias 'Hirsch' soll das angestammte deutsche Wort, mittelhochdeutsch elch verdrängt haben. Ähnlich steht es heute noch in den Nachschlagewerken. Dass der Elch in Osteuropa ganz andere Namen hat, slawisch los', litauisch bríedis, ist keinem aufgefallen. Dabei ist Elen doch ein deutsches Wort, rückgebildet aus elhen, eln![4]

Das arme Elendtier! Erst hat man's zu Unrecht als Ausländer gebrandmarkt und dann sein d abgeschnitten, so dass nach der Rechtschreibreform vor 100 Jahren nur noch Elen, Elentier übrig blieb. Und dann hat man es ganz abgeschafft. Die letzte Spur stammt aus dem Jahr 1934. In meinem Tierkundebuch von 1951 steht "Elch".

Das arme Elendtier! Seine Leiden begannen schon im Altertum. Was hat es schon alles erlitten unter seinem lateinischen Namen alcis. Web Caesar behauptet, es sei eine Art Ziege, nur etwas größer, mit verstümmelten Hörnern. Wahrscheinlich verwechselt er den Elch mit dem arktischen Moschusochsen[5], den der Grieche Pythéas im 4. Jahrhundert v. Chr.[6] auf seiner Reise in die Arktis gesehen haben kann. Dieses Tier gehört zu den Ziegen, ist etwas größer und hat "verstümmelte", nach unten gebogene Hörner. Seine Beine sind zur Hälfte von den langen Haaren des Fells verdeckt, sodass man kaum die Gelenke sieht. Vielleicht ist so die von Caesar erzählte Mär entstanden, die alcis hätten keine Beingelenke.

 

[1] Vergleich Handschriften B / C, Strophe 945 der Handschrift C

[3] Web "Die tier zesamen kâmen..."

[4] Das h hinter l wurde nicht mehr ausgesprochen wie in bevelhen > befehlen (heute nur Dehnungszeichen)

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Echo Online

 

Datum: 28.08.2012

Aktuell: 16.02.2018