Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Rheinfranken

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

"Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht", klagt Professor Higgins im Musical "My Fair Lady" [1] und denkt an die Aussprache.

Er will der Blumenverkäuferin Eliza die Tür zur feinen Gesellschaft öffnen, indem er ihr beibringt, statt des Londoner Dialekts Oxford-Englisch zu sprechen. In der passenden Garderobe fällt seine Schülerin nicht auf, bis ihr ein ordinärer Ausdruck entfährt. Jetzt muss Higgins dazu lernen: Die "richtige" Aussprache allein genügt nicht. Und Menschen darf man nicht als Versuchskaninchen benutzen.

Das Deutsche hat sich nicht am Hochadel orientiert, sondern an der geistigen Elite, den klassischen Autoren. Deren Texte hat man in Wien anders rezitiert als in Köln, in Berlin anders als in Darmstadt. Erst im 19. Jahrhundert hielt man wenigstens auf der Bühne eine genormte Aussprache für nötig, die dann auch für Behörden und Schulen verbindlich wurde.[2] Nun begannen die Gebildeten die mundartliche Aussprache genauso zu verachten wie Higgins den Londoner Dialekt.

Wir müssen unterscheiden zwischen Mundart Web und ungepflegter oder ordinärer Ausdrucksweise. Auch Mundartsprecher können sorgfältig oder nachlässig artikulieren und sich primitiv oder kultiviert ausdrücken.

Mundart ist kein verwildertes Hochdeutsch, sondern eine sehr alte Variante des Deutschen. Zum Beispiel das Südhessische Web, der Dialekt des Großraums Darmstadt und Teil des Rheinfränkischen, zu dem auch das Pfälzische gehört. In einer lateinischen Chronik wird berichtet, wie sich 842 zwei Söhne Ludwigs des Frommen gegen ihren Bruder Lothar verschworen haben. Der Text ihres Eides ist auf Altfranzösisch und Althochdeutsch überliefert, genauer auf Rheinfränkisch, das schon damals Merkmale des heutigen Hessischen und Pfälzischen zeigt. Web

Die eigentliche Prägung erhielt dieser Dialekt aber im Spätmittelalter. An auffallenden Schreibungen in Urkunden lässt sich der Wandel in der Aussprache erkennen. Web So steht für Maria Einsiedel bei Gernsheim 1493 "Ansidl" Web: ein Zeichen dass man damals ei wie â gesprochen hat. Der Schreiber hat also "Â(n)siedel" gehört und an "Ansiedlung" gedacht.

Man kann in den süddeutschen Mundarten stufenlos wechseln vom breitesten Platt bis ins feinste Hochdeutsch und wenn ein Dialektwort fehlt, nimmt man einfach ein hochdeutsches. Dialekt ist in seinen Ausdrucksmöglichkeiten nicht weiterentwickelt worden, sondern vom Hochdeutschen abhängig. Gerade die besten Mundartautoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht krampfhaft bemüht sind, so zu schreiben, wie man in ihrem Heimatdorf spricht, sondern dass sie Dialekt und Standardsprache zu einer pfiffigen Einheit verschmelzen und dadurch auch für ein breiteres Publikum verständlich sind.

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

Sprachecke 09.03.2004 | 25.09.2012 | 02.10.2012 | 09.10.2012

 

Datum: 18.09.2012

Aktuell: 30.11.2017