Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der kleine Unterschied

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Frühreife Knaben interessieren sich dafür, der Adel hat's und im Wörterbuch ist's auch angegeben: das Geschlecht:

Dieses Wort hat drei Bedeutungen, die klar zu unterscheiden sind:

  1. Die älteste ist 'Nachkommen gemeinsamer Vorfahren'. In früheren Jahrhunderten waren die Menschen ihr Leben lang eingebunden in die soziale Schicht, den "Stand", in den sie hineingeboren wurden: Bauern, Bürger und Adlige. Eine Adelsfamilie hatte selbst dann noch Privilegien, wenn sie heruntergekommen und verarmt war. Die Bauern waren ans Land gebunden und hatten kaum Aufstiegschancen. Noch schlimmer stand es um das "fahrende Volk", das noch nicht einmal einen festen Wohnsitz hatte. Die Großen wie die Kleinen hatten Rückhalt in ihrer Familie. Aber nur für den Adel war es wichtig, nicht nur die lebenden Verwandten zu kennen, sondern auch die lückenlose Reihe ihrer Vorfahren. Denn zu einem Adelsgeschlecht kann nur gehören, wer sein Geschlechtsregister, seinen Stammbaum kennt.

  2. Schon um 1200 bezeichnete Geschlecht auch den Unterschied zwischen Mann und Frau. Reste dieses Sprachgebrauchs finden wir noch in den Wendungen "das starke" und "das schöne Geschlecht".
    Dieselbe Bedeutung hat lateinisch sexus, nicht was Mann und Frau miteinander treiben, sondern die beiden Erscheinungsformen des Menschen. Dieses Wort ist verwandt mit secare 'schneiden', bedeutet also 'Abteilung, Klasse'.
    Web
    Früher diente Geschlechts- als Eindeutschung der fremden Adjektive genital (Geschlechtsteil) und sexual, sexuell (Geschlechtstrieb, Geschlechtsverkehr).

  3. Von diesem "natürlichen" ist das "grammatische Geschlecht" (Genus[1]) zu unterscheiden, an dem sich entscheidet, ob wir der, die oder das vor ein Wort setzen. Es lässt sich leicht zeigen, dass natürliches und grammatisches Geschlecht nicht dasselbe sind: Die Waise ist männlich oder weiblich, das Weib weiblich, der Löffel und die Gabel sind wie das Messer geschlechtslos. Das sind grammatische Kategorien, die mit der natürlichen Beschaffenheit nichts zu tun haben. Sie dienen zum Teil heute noch der Bedeutungsunterscheidung: der Band 'Buch'/ das Band 'Textilstreifen' Web; der Flur im Haus/ die Flur im Feld Web; der Kiefer im Kopf Web/ die Kiefer im Wald Web.
    Geschlecht
    (umgelautet aus althochdeutsch gi-slachti) Web kommt wie Schlacht von schlagen Web. Vergleichspunkt ist das Schlagen von Münzen, wodurch das Geldstück seine typische Prägung erhält. Wir reden ja auch von einem Menschenschlag und dass jemand "seinem Vater nachschlägt" oder "aus der Art schlägt".
    Das zugehörige Adjektiv war gi-slacht 'eigen, naturgemäß', das Gegenteil ist ungeschlacht 'nicht artgemäß', heute in der Bedeutung 'entartet, unförmig' und 'unartig, unhöflich'.

 

[1] lateinisch genus 'Art, Gattung, Rasse':  Web

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

Sprachecke 20.01.2015

 

Datum: 06.11.2012

Aktuell: 10.06.2016