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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zähne

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Victoria! Victoria! Der kleine weiße Zahn ist da! ... Der Zahn soll Alexander heißen",[2] jubelte vor 240 Jahren Matthias Claudius.[1]

Was die Phantasie des Dichters benennen konnte, fehlt in unsrer Alltagssprache, die nur wenige Synonyme für Zahn hat: Beißer, Gebiss, Hackelchen, Hauer. Meist behelfen wir uns mit Zusammensetzungen wie Milchzahn, Schneidezahn, Eckzahn, Backenzahn und bei Tieren: Nagezahn, Stoßzahn. Web Wichtiger ist uns die Unterscheidung zwischen dem einzelnen Zahn und der Gesamtheit aller Zähne, dem Gebiss, und dem Kiefer Web, in dem die Zähne sitzen.

Der älteste Name des Zahns steckt in Kamm, althochdeutsch kamb, verwandt mit altindisch jambha 'Zahn', indogermanisch gjon-bhos, und (g)nagen, knabbern. Ähnliche Wörter gibt es in den uralischen Sprachen (urfinnisch hambas 'Zahn'). Der Kamm ist also eine 'Zahnreihe'. Web

Das heutige Zahn, germanisch tanth, tô(n)th, indogermanisch hedonts, ist eine Neubildung 'der essende' aus hed- 'essen'. Die englische Weiterbildung tusk (aus tôthsk) 'langer Eckzahn, Hauer, Stoßzahn' ist das einzige Wort dieser Familie mit einer Sonderbedeutung. Web

Nicht nur der Kamm hat Zähne, auch Säge, Briefmarke, manches Blatt, Zahnrad, Zahnstange: eine Reihe Zacken wie im Gebiss. Damit sind wir bei der bildlichen Verwendung dieses Wortes:

Viele Redensarten verstehen sich von selbst wie "die Zähne zusammenbeißen", "der Zahn der Zeit", "jemand auf den Zahn fühlen". Wie aber ist es mit "einen Zahn zulegen" und dem dazugehörigen Affenzahn, der im Unterschied zum Beißer des Gorillas hinten betont wird? Gemeint ist 'schneller gehen, fahren, arbeiten' und 'hohe Geschwindigkeit'. Affe hat hier nur verstärkende Bedeutung. Diese Zähne befinden sich unter einem einrastenden Gashebel, mit dem man bei manchen Fahrzeugen die Geschwindigkeit regulieren kann. "Einen Zahn zulegen" ist also dasselbe wie "Gas geben". Web

In der Jugendsprache um 1960 hatte Zahn die Bedeutung 'junge Frau, Geliebte'. Web Der junge Mann bekam "einen steilen Zahn", wenn er Ilona sah oder nur an sie dachte. Schließlich gelang es ihm, sie aufzureißen (nach heutigem Sprachgebrauch "anzubaggern") und seinen Freunden zu präsentieren als Vorderzahn, der ganz oben auf der Liste seiner Favoritinnen stand (falls er ein Gebiss 'viele Freundinnen' hatte). Im Laufe der Zeit wanderte der Vorderzahn nach hinten und wurde zum Backenzahn, Teil seiner selbst. Viele dieser phantasievollen Bezeichnungen wurden in geselliger Runde ersonnen und haben im tatsächlichen Sprachgebrauch keine Rolle gespielt. Wirkliche Bedeutung hatte nur der zweideutige steile Zahn. Web

 

[1] Text bei Zeno.org

 

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Echo Online

 

Datum: 13.11.2012

Aktuell: 26.03.2016