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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schein und Sein

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Im tiefen Keller und bei Nacht und Nebel ist die Sonne nicht zu sehen. Jetzt im November freuen wir uns, wenn sie mal scheint.

Sie und andere Himmelskörper haben das Recht dazu, ja wir halten das sogar für ihre Pflicht. Auch Lampen dürfen scheinen und gegen einen Geldschein oder Führerschein ist auch nichts einzuwenden. In vielen Fällen aber lieben wir das Scheinen und den Schein nicht.

Hier geht es also um zwei unterschiedliche Bedeutungen dieser Wörter: 'Licht ausstrahlen' und 'einen bestimmten Eindruck erwecken', der oft über den wahren Zustand täuscht: Der schöne Apfel ist sauer, der unansehnliche süß. Durch Erfahrung lernen wir, dass "der Schein trügt". Man blickt aber nicht immer dahinter. Auch die größten Geister sind vor Irrtümern und Täuschungen nicht sicher. Scheinheilige tun so, als wären sie fehlerlos. Die wahren Heiligen zeigen ihre innere Größe darin, dass sie ihre Fehler zugeben können. "Wo viel Licht ist, ist starker Schatten." [1]

Licht und Schatten stecken beide in dem Grundwort (s)kâi-, von dem scheinen abgeleitet ist. Verwandt sind der "heitere" Himmel ebenso wie das altdeutsche Schemen 'Schattenbild'.

Hinter dem äußeren Schein das innere Wesen zu erkennen ist schwer. Manches besteht wirklich bloß aus der äußeren Schale und hat keinen Kern. Man "stylt" sich in einer bestimmten Weise und pflegt sein "Image" (englisch aus lateinisch imago 'Bild'), das sich andere Menschen von einem machen sollen. Aber wer bin ich wirklich? Zerfließt alles in Vorstellungen? Ist unsre Welt überhaupt wirklich oder nur gedacht? Da kann man schon ins Grübeln kommen.

Aber trotz unsrer Zweifel leben wir nicht in einer Scheinwelt. Denn die Außenwelt stellt sich uns entgegen und fügt sich nicht unsern Wünschen. Solange wir das merken, brauchen wir keine Angst zu haben, dass wir wahnsinnig werden. In diesem Wort haben sich zwei Vokabeln gekreuzt: ein altes wan 'nicht vorhanden' und wähnen 'vermuten' im Unterschied zum vermeintlich sicheren Wissen. Wahnsinn ist also fehlender Sinn 'Verstand', gepaart mit falschen Vorstellungen.

Von diesem krankhaften Wahn ist die gesunde Phantasie nicht immer leicht zu unterscheiden. Da tüftelt ein zerstreuter Professor an einer Erfindung und lebt ganz in seinen Gedanken. Ob das nur Wahn ist oder eines Tages Wirklichkeit wird, lässt sich nicht voraussagen. Wir denken nicht nur über die Welt "nach", sondern wir denken auch "vor" und gestalten die Welt durch unsre Gedanken.

Mit der Phantasie sind wir wieder beim Schein angelangt: Das griechische Grundwort phan- bedeutet 'leuchten, scheinen'. Phantasía 'Erscheinung, Aussehen, Vorstellung' und phántasma 'Erscheinung, Trugbild, "Phantom"' liegen nahe beieinander.

 

[1] Goethe, Götz von Berlichingen 1,1

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Echo Online | Begriffe: hell und dunkel

Sprachecke 27.11.201222.12.2012

 

Datum: 20.11.2012

Aktuell: 20.04.2018