Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Flugsimulator

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Es lebe die Phantasie! [1] Sie entführt uns in nur gedachte Welten, rekonstruiert die Vergangenheit und hilft unser Handeln zu planen.

Künftige Piloten müssen sich nicht gleich in ein echtes Flugzeug setzen, sondern können erst mal am Flugsimulator trainieren, eine Maschine, die zeigt, was passiert, wenn man einen Hebel bewegt oder auf einen Knopf drückt. Die Maschine ist echt, aber was man darin erlebt, ist nur simuliert, vorgetäuscht. Lateinisch simulare war 'ähnlich machen, abbilden, nachahmen, vortäuschen'. Web Simulieren ist keine moderne Erfindung. Schon seit Urzeiten haben Menschen Handlungsabläufe erst mal in ihren Köpfen durchgespielt und mit anderen besprochen, Pläne geschmiedet, von Erlebnissen erzählt, dabei auch mal geflunkert, Märchen erfunden, später auch Romane geschrieben und Filme gedreht.

Der triste November ist die Zeit, in der wir der Toten gedenken: Allerheiligen, Volkstrauertag, Totensonntag. Gedenken ist mehr als nur auf den Friedhof gehen und schweigend am Grab stehen. Wir rufen uns in Erinnerung, wer diese Menschen waren, die jetzt unter der Erde liegen. Angenehme und unangenehme Erlebnisse steigen in uns auf, alles in unsern Köpfen gespeichert und in unsrer Phantasie wiederholt.

Warum sagen wir "der Toten gedenken", im Genitiv, und nicht im Akkusativ? Das ist noch ein Rest der alten Grammatik, dass bei "begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll" und den dazugehörigen anderen Wortarten wie gedenken samt ihrem Gegenteil der Genitiv steht. Deshalb heißt die Blume Vergissmeinnicht, obwohl wir heute sagen "Vergiss mich nicht". Nach heutigem Denken gibt es nur Objekte unsres Tuns ("ich sehe dich) oder Nutznießer und Leidtragende ("ich gebe dir"). Der Genitiv ist zum Besitzfall verkommen ("Georgs Auto"). Früher war er der Fall der Teilhabe: "Ich gedenke dein", ich bin in Gedanken mit dir verbunden, und "denke dich" nicht nur.

Wo sind die Toten jetzt? Was unter der Erde oder in der Urnenwand liegt, sind nur ihre "sterblichen Überreste", was an den früheren Menschen sterblich war, die Reste ihres Körpers. Was wir an ihnen geschätzt oder gefürchtet, geliebt oder gehasst haben, ist nicht im Grab. Unsre Gedanken entspringen unserm Gehirn und versiegen, wenn es seine Tätigkeit einstellt. Aber sie schaffen auch Wirklichkeit, im Guten wie im Bösen. Jahrtausende lang haben die Menschen vom Fliegen nur geträumt. Das waren alles Hirngespinste, die von nützlicher Arbeit ablenkten. Vor 229 Jahren wurde dieser Traum Wirklichkeit mit dem ersten Ballon. [2] Heute genießen wir die Vorzüge des Fliegens und leiden unter dem Fluglärm - ein zunächst nur "simuliertes" Phantasieprodukt ist materielle Wirklichkeit geworden.

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

Begriffe: hell und dunkel | Sprachecke  20.11.2012

 

Datum: 27.11.2012

Aktuell: 11.04.2016