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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Tochter Zion

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Unsre Adventslieder haben manchmal merkwürdige Ausdrucksweisen, denen ich in dieser Sprachecke nachgehen möchte.

Zu "Macht hoch die Tür" [1] fällt uns heute das Garagentor ein, das nicht nach der Seite, sondern nach oben geschwenkt wird. Gemeint ist aber nicht der Eingangsverschluss, sondern die Toröffnung: Wenn Gott Einzug hält in den Tempel, meint die Bibel [2], sind die Toröffnungen viel zu klein für ihn. Es hat aber auch keiner ernsthaft geglaubt, dass er in dem Tempelgebäude Platz hat. Das Gotteshaus Web mit seinen Pforten war nur ein Symbol für die Gegenwart des Allmächtigen.

Auch "Tochter Zion" [3] von Friedrich Heinrich Ranke (1826) mit seiner schönen Melodie von Georg Friedrich Händel (1747) nimmt ein biblisches Zitat auf. [4] Wer mit dieser Frau gemeint ist, erfahren wir in der Fortsetzung "Tochter Zion, freue dich, jauchze laut Jerusalem": also die Bewohner Jerusalems. Im Althebräischen bildete man mit ben 'Sohn, Kind', bat 'Tochter', bnê 'Kinder' Ableitungen Die "Kinder Israel" waren die Israeliten, verstanden als Nachkommen des Stammvaters Israel. Städte hat man sich weiblich vorgestellt, daher nannte man die Einwohnerschaft Jerusalems "Tochter Jerusalem". Ein friedfertiger Mensch hieß "Sohn des Friedens". Die "Töchter des Liedes" waren die Töne.
Zion
[5] war der Name des ältesten Teils von Jerusalem, der auf einer Felsnase gelegenen Zitadelle, die auch Jebus hieß. Die Araber nennen diese Stadt al-Quds 'das Heiligtum'. Dass Siedlungen mehrere Namen haben, ist keine Seltenheit: Worms Web hieß in römischer Zeit Vangiones, nach einem Stamm, Seligenstadt Web ursprünglich Ober-Mühlheim.
Neben der Burg Zion, unter dem heutigen Felsendom, befindet sich eine alte Opferstätte. Dort stand tausend Jahre lang der israelitische Tempel, daher galt in späterer Zeit Zion als Name des Tempelbezirks, der Inbegriff der religiösen Sehnsucht und seit dem 19. Jahrhundert des jüdischen Heimatgefühls. Deshalb nannte sich die jüdische Nationalbewegung Zionismus.
[6]
Das Lied "Tochter Zion" feiert den Einzug des Friedefürsten in Jerusalem und erinnert an die Jesusgeschichte.
[7] Die Jünger und die Festpilger, die Jesus begleiteten, sangen Hosianna aus Psalm 118, [8] in dem die Worte vorkommen "O Herr, hilf, o Herr, lass wohlgelingen", hebräisch hoschia-nna 'hilf doch!' Web

Rorate 'tauet' [9] ist der lateinische Name des 4. Advents, benannt nach dem Anfang eines Wechselgesangs: "Tauet, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit!" [10] Die lateinische Bibel hat das auf "den Gerechten", Christus, bezogen. Evangelische und katholische Gesangbücher behandeln dieses Thema als "O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß" [11] und "Tauet, Himmel, den Gerechten" [12].

 

[1] Evg. Gesangbuch 1, Gotteslob 107; Entstehung: Wikipedia

[3] Evg. Gesangbuch 13; Entstehung: Wikipedia

[4] Sacharja 9,9, gesungen beim Einzug Jesu in Jerusalem

[5]  Web; Geschichte: Wikipedia

[11] Evg. Gesangbuch 7,2; Entstehung: Wikipedia

[12] Gotteslob, Anhang Mainz 806; Entstehung: Wikipedia

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Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 04.12.2012

Aktuell: 26.03.2016