Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Dornröschen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

"Es sollt sich an der Spindel stechen und davon tot zusammenbrechen, des Königs liebes Töchterlein, sobald es würde fünfzehn sein. So tat das Schicksal ihm bescheiden. Das Mädchen war nicht zu beneiden. Der König durch Gesetzes Kraft hat Spindeln sofort abgeschafft.  Erledigt schien damit der Fall in seinem Haus und überall. Doch schafft's kein Sultan, König, Zar, dass er sein Kind vorm Tod bewahr. Und grade weil es nicht belehrt und über Spindeln aufgeklärt, so fiel's mit fünfzehn Jahren drum, programmgemäß gestochen, um, war lange nicht mehr ansprechbar, wie tot, so lag es hundert Jahr'."[1]

Das kommt in den besten Familien vor und natürlich auch bei uns: Die Eltern verlieren ihre Tochter, manche schon in den Wirren der Pubertät: Sie schließt sich in ihr Zimmer ein, ist für niemand zu sprechen, zeigt Vater und Mutter die kalte Schulter und geht ihre eigenen Wege. Dann kommt ein junger Mann, durchbricht Dornenhecke und Eispanzer und erlöst sie mit einem Kuss.

Was hat es mit der Spindel auf sich? Eine Spindel ist ein Stab, auf den der gesponnene Faden gewickelt wird. Eine Schwungscheibe, der Wirtel, sorgt dafür, dass sie sich ständig dreht.[2] Stechen und tödlich verletzen kann man sich damit nicht. Die Spindel ist vielmehr ein dreifaches Symbol:
1. für die Schicksalsgöttin, die den Lebensfaden spinnt und schließlich abschneidet - daher der Todesfluch der Fee (französisch aus italienisch fata, zu lateinisch fâtum 'Schicksalspruch').[3]
2. für die Arbeit, die auf eine Fünfzehnjährige wartete: Sie musste Garn spinnen und ihre Aussteuer nähen. Angesichts dieser Zumutung konnte eine Prinzessin schon mal in Ohnmacht fallen.
Und 3. für einen männlichen Körperteil, den man sich auch heute noch zu nennen scheut und der die Jungfrauschaft unwiederbringlich beendet, "sterben lässt".

Der König reagiert auf den Todesfluch mit scheinbar übertriebenen Maßnahmen: Er verbietet die tödlichen Spindeln nicht nur in seinem Haus, sondern in seinem ganzen Reich. Die Erzählung macht deutlich, dass die Tochter zu Beginn der Pubertät geschützt werden muss, bis sie reif ist für die Begegnung mit dem anderen Geschlecht.

"Da wuchs die Hecke riesengroß":[4] Selbst die Natur hat ein Einsehen und baut einen Schutzwall, an dem zudringliche Prinzen kläglich scheitern. Die Prinzessin verwandelt sich in einen unnahbaren Kaktus und zeigt nicht nur den Eltern die kalte Schulter.

"Dornröschen" heißt die Unnahbare bei Grimm. Das erinnert an Goethes "Sah ein Knab ein Röslein stehn"[5]: Der zudringliche Knabe raubt dem Mädchen einen Kuss und mehr, obwohl es sich wehrt. Märchenname und Gedicht beziehen sich auf ein älteres Volkslied.[6]

 

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online | Jahresthema Märchen

Sprachecke 23.02.2010 | 2013: 05.02 | 05.03. | 02.04. | 04.06. | 02.07. | 06.08.  |  03.09

 

Datum:  30.04.2013

Aktuell: 03.06.2016