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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Marode Gauner

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Schwarze Schafe können die ganze Herde blamieren. So erging es auch den nichtsesshaften "Vaganten" der Vergangenheit.

Die "schwarzen Schafe" waren die Gauner. So nennen wir heute Kleinkriminelle, Trickdiebe, Betrüger. Vor 1800 schrieb man Jauner. Dieser Name ist seit 1722 bezeugt in einer Verordnung, in der "Jauner, Zigeuner, Wilderer, Räuber, Landfahrer, Kesselflicker, Hirten, Straßenbettler" aufgezählt werden.[1] Viele von ihnen waren durch die häufigen Kriege aus der Bahn geworfen worden. Zu diesen Vaganten[2] "auf der Durchreise"[3] zählten auch Händler, Studenten und Handwerker "auf der Walz". Das waren keine Berufsverbrecher, aber ein paar schwarze Schafe haben ihren Ruf beschmutzt.

In Frankreich galten die Griechen vor 500 Jahren als kundig, bewandert, später als schlau und gerissen und schließlich als Gauner und Falschspieler. Das kann auch dem jiddischen Jowen 'griechisch', eigentlich 'Ionier', widerfahren sein.[4] Es bekam im 16. Jahrhundert als Joner die Bedeutung 'Kartenspieler', später 'Betrüger, Gauner'.[5] G- statt J -stammt aus einer Gegend, wo g und j in der Aussprache wechseln.

Die Vaganten entwickelten im Laufe der Zeit eine eigene Sondersprache[6], das Rotwelsch[7], zu Rot 'Mitglied einer Rotte (Bande), Bettler'[8] und welsch 'romanisch, unverständliche Sprache'[9]. Es ist eine Mischung aus deutschen, jiddischen[10] und zigeunerischen Wörtern. Die Vaganten nannten sich selbst deutsch Kunden 'Bekannte', jiddisch Chochemer (hebräisch chakam 'weise')[11] und zigeunerisch jenisch (eigentlich dschänisch", zu dschan- 'kennen, wissen')[12].
Viele jenische Wörter sind auch in die Umgangssprache eingedrungen: aus dem Jiddischen dufte 'gut' (eigentlich toff)
[13], pleite 'Flucht'[14]. Aus der Zigeunersprache: kein Bock (bock, indisch bhûkha 'Hunger')[15], Zaster 'Geld' (saster 'Eisen', indisch shástra 'Schneide')[16].

Noch weiter heruntergekommen als die Vaganten sind die Maroden. Sie sind tiefer gefallen, weil sie einst ganz oben standen: Der germanische Personenname Marwald, heute als Familienname Marhold, bedeutete 'berühmter Herrscher'. Der französische Name Marault bezeichnete im 15. Jahrhundert auch den 'Bettler', seit etwa 1500 maraud geschrieben. Das Verb marauder 'betteln' wurde im 30-jährigen Krieg zu 'plündern, stehlen'. Da "der Krieg den Krieg ernährte", mussten die Soldaten sich selbst versorgen, das heißt plündern, denn zu betteln gab es nichts mehr. So wurden aus Bittstellern Marodeure.
In Deutschland nannte man in dieser Zeit die marschunfähigen Soldaten und Obdachlosen Merode-Brüder: Sie waren marode 'kaputt, heruntergekommen' und hatten sich als "Brüder" zu Leidensgenossenschaften zusammengeschlossen. Marwald, der "berühmte Herrscher" war tief gesunken.
[17]

 

[2] lateinisch vagari 'ziellos umherziehen', vagans 'umher-ziehend'

[3] moderne Selbstbezeichnung

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Übersicht

 

Echo Online

Begriffe Landfahrer | Verbrecher | Sprachecke 10.05.2016

 

Datum:  10.09.2013

Aktuell: 27.05.2017