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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Trotz dem Feind

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Trotz dem Feind, wenn du ihm trotz der Feindschaft Gutes getan hast und er dir trotzdem feind ist": dreimal trotz in unterschiedlicher Verwendung.

Das erste ist eine Interjektion, vergleichbar mit wehe!,[1] das zweite eine Präposition, die mit dem Genitiv ("der") verbunden wird, das dritte ein Adverb, das die näheren Umstände bezeichnet: 'ungeachtet deiner bisherigen Bemühungen'. Es wird auch als Konjunktion gebraucht: "Trotzdem du ihm Gutes getan hast...". Das gilt zwar nicht als korrekt, wird aber von Duden als umgangssprachlich anerkannt. Korrekt ist obwohl.

Wie sehr sich Sprachnormen ändern, sehen wir an der Präposition: Sie stand ursprünglich mit dem Dativ. Erst seit dem 18. Jahrhundert ist auch der Genitiv gebräuchlich. Noch Goethe und Schiller setzen manchmal den alten Dativ, manchmal den neuen Genitiv.[2] Die Duden-Grammatik erkennt heute noch beide Fälle an.[3]

Trotz war ein Ritterwort für 'Kampfeswille', ursprünglich Nachahmung des verächtlichen Schnaubens. Für das Vibrieren der Lippen haben wie keinen Buchstaben. Als Ersatz dienen tr- oder pr- (in hessisch protzen 'schmollen').[4]

Wenn ein Ritter angegriffen wurde, bot er "dem Feinde Trotz" und wehrte sich. Daher stand in der alten Sprache der Dativ. Heute bevorzugen wir den Genitiv, weil wir trotz ähnlich wie angesichts, kraft, inmitten als Präposition verstehen, die aus einem Substantiv entstanden ist und mit dem Genitiv verbunden wird: "Er ließ sich angesichts der Übermacht nicht einschüchtern, sondern leistete inmitten seiner Knechte Widerstand kraft seines Amtes als Burgvogt." Das lässt sich verstehen als "beim Anblick der Übermacht, in der Mitte seiner Knechte, durch die Kraft seines Amtes", also auch analog, aber nicht logisch "trotz des Feindes".[5]

In der Umgangssprache wird der Genitiv oft umschrieben: "Der Kragen vom Kevin seinem Mantel" ist nicht das eleganteste Deutsch. Wie aber sonst? "Der Kragen des Mantels Kevins" enthält zwei Genitive hintereinander, die wir als unschön empfinden. Besser ist "Kevins Mantelkragen". In der Regel sagen wir aber "der Kragen von Kevins Mantel". Wenn der Überzieher aber Lukas gehört?" Da nützt uns der "Mantelkragen" nichts, denn an Lukas können wir kein zweites s anhängen. In diesem Fall setzen wir in der Schrift den Apostroph: "Lukas' Mantel". Dieses Zeichen hört man aber nicht. In der älteren Sprache hat man sich mit der schwachen Endung -ens beholfen: Lukasens (wie in "des Namens"). Die Duden-Grammatik empfiehlt in solchen Fällen die Umschreibung mit von, also "der Mantelkragen von Lukas".[6] Wenn aber der Besitzer nicht Lukas, sondern dessen Vater ist, bleibt uns nichts anderes als zu sagen "der Mantel von Lukas seinem Vater".

 

[3] Duden, Grammatik (2005) § 917, so schon Duden, Rechtschreibung (1888) 236

[5] Logisch könnte das ein Genitiv des Objekts sein, der im Deutschen nicht üblich ist: "Trotz gegen den Feind".

[6] § 323

 

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Datum: 22.10.2013

Aktuell: 16.02.2018