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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Dienende Demut

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Papst Franziskus wohnt nicht in einem Palast, sondern in einer einfachen Wohnung. Er lebt, was er predigt: Bescheidenheit.

Bescheiden ist, wer sich mit dem begnügt, was ihm beschieden ist, und nicht noch mehr fordert. Behörden verschicken Bescheide. Im ersten Rentenbescheid steht, dass wir künftig mit weniger Geld auskommen müssen, im Steuerbescheid, was uns das Finanzamt noch lässt. Ein Bescheid teilt uns eine Entscheidung mit. Wer sich damit zufrieden gibt, ist bescheiden.[1]

Der Papst verdient sicher nicht schlecht. Er könnte sich eine größere und repräsentativere Wohnung leisten. Er will aber nicht, denn er hat in Südamerika ein Elend gesehen, das für uns unvorstellbar ist. Er will auf der Seite der Armen stehen, da wären Prunk und Protz blanker Hohn.

Wie nennt man diese Haltung? Herablassung klingt zynisch: Seine Hoheit auf dem hohen Ross beugt sich zu dem Bettler herab, wirft ihm einen Groschen in den Hut und reitet weiter. Leutseligkeit ist was Anderes: wenn sich der hohe Herr freundlich mit einfachen Leuten unterhält und sie nicht hochnäsig "von oben herab" behandelt.

Die Lateiner sagen humilitas 'Niedrigkeit'. Humus ist der Erdboden, húmilis 'niedrig, nicht abgehoben, nicht überheblich, sondern ganz unten auf dem Boden.[2] Humilis ist verwandt mit humânus 'menschlich', eine Erinnerung daran, dass der Mensch nach antiker, auch biblischer Vorstellung aus Erde gemacht ist und wieder zu Erde wird.[3] Die Tugend der humílitas erinnert uns also an das, was wir wirklich sind: Staubgeborene, die nach den Sternen greifen.

Das deutsche Wort ist Demut. Althochdeutsch dio-muot erklärte sich von selbst: Dio war der 'dienende Knecht', muot nicht nur 'furchtloser Mut', sondern allgemein 'Gemüt, Gesinnung'. Demut ist 'dienende Gesinnung' nach der Weisung Jesu "nicht herrschen, sondern dienen"[4]: Auch der Oberste (Bundespräsident, Kirchenpräsident, Papst, Firmenboss) ist kein "Herrscher", sondern "Bediensteter" und Diener der Allgemeinheit. Natürlich verführt die hohe Stellung zu Selbstherrlichkeit und Dünkel. Es ist schwer, nicht der Versuchung der Macht zu unterliegen. Demut ist, wenn man das Wort "Dienst" nicht bloß im Mund führt, sondern sich im Herzen als Diener fühlt.

Der chinesische Revolutionsführer Mao Tse Tung hatte Arbeiterkleidung an. Die englische Königin trägt bei offiziellen Anlässen eine prächtige Robe und Krone. Vielleicht ist die Queen mit all ihrem Prunk demütiger als ein Machthaber, der sich als Arbeiter verkleidet.

Die christliche Demut ist keine "Sklavenmoral", wie Nietzsche behauptet hat.[5] Bescheiden kann auch ein Armer sein und sich mit dem Wenigen zufrieden geben, was er hat. Demut aber ist Verzicht. Dazu gehört innere Größe.

 

 

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Begriffe: Demut

 

Datum: 13-11-2

Aktuell: 26.03.2016