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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wie der Würfel fällt

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wie der Würfel hat auch das Hauptwort mehrere "Fälle". Beim Würfel sind's die Augen, beim Wort die typischen Endungen des Falles.[1]

In der Schule unterschieden wir Dingwort und Tuwort, später sagten wir Haupt- und Zeitwort und schließlich lernten wir die lateinischen Namen Nomen[2] und Verb[3]. Die Unterscheidung ist schwierig, denn man kann jede Wortart als Substantiv behandeln: "Beim Erzählen log er das Blaue vom Himmel herunter." Das Umgekehrte ist auch möglich: "es tagt".

Ob ein Wort Nomen oder Verb ist, liegt nicht an seinem Wortstamm, sondern an seinen Formen: "der Tag / des Tages - es tagt / tagte". Und letztlich an der Rolle im Satzgefüge: Ist das Wort Subjekt ("heute kam ein Anruf") oder Objekt ("ich erwarte einen Anruf"), wird es wie ein Nomen behandelt. Bildet es dagegen das Prädikat ("sie ruft an"), hat es die Formen eines Verbs.

Die Bildung der verschiedenen Formen des Nomens nennen wir Deklination, Beugung.[4] Die grammatischen Ausdrücke kommen übers Lateinische aus dem Griechischen. Die Griechen sagen klísis 'Neigung, Biegung'. Gemeint ist nicht, dass das Wort durch die Deklination "verbogen" wird, sondern dass es sich dabei an andere Wörter anlehnt, von ihnen abhängig wird. Bei "der Herr des Hundes" ist das Tier vom Menschen abhängig, bei "der Hund bellt" die Lautäußerung vom Tier. Dass wirklich an anlehnen oder frei stehen gedacht ist, sehen wir an den lateinischen Bezeichnungen câsus rêctus 'aufrechter Fall (Nominativ) und câsus oblîquus 'schiefer Fall' (einer der anderen Fälle).

Wenn etwas in Schräglage ist, fällt es leicht um. Daran ist aber nicht gedacht bei Fall, lateinisch câsus[5], sondern an den Fall des Würfels, bei dem eine von sechs Seiten oben zu liegen kommt. Fall bedeutet also 'eine von mehreren Möglichkeiten'.[6] Das Finnische hat 15 Fälle[7], das Altrussische 7[8], das klassische Latein 6, das Deutsche 4:

  1. 1. Der Nominativ ist der "Nennfall", wie das Wort nôminátur 'genannt wird' und im Wörterbuch steht, also Hund, nicht Hundes.[9]

  2. 2. Der Genitiv, "Herkunftsfall" zeigt das genus 'Familie' an, zu der das verbundene Wort gehört: Müllers Kühe gehören dem Müller.[10]

  3. 3. Beim Dativ "Gebefall" lässt sich erkennen, wem datur, gegeben wird: dem Kinde. Geben ist ein typisches Wort, bei dem der Dativ steht.[11]

  4. 4. Nur ein zufälliges Beispiel wurde für den Akkusativ 'Anklagefall' gewählt: Der Staatsanwalt accûsat den Dieb, klagt ihn an.[12]

In der Regel bezeichnet der Nominativ das Subjekt, den Täter ("Der Chor singt..."), der Akkusativ das Objekt, den Gegenstand der Handlung ("... ein Lied") und der Dativ das indirekte Objekt, dem die Handlung gilt ("der Arzt hilft dem Kranken"). Der Genitiv verbindet zwei Nomen miteinander ("Text des Liedes").

 

[7] Englund-Wolf, Finnische Sprachlehre 224

[8] Trautmann, Kurzgefaßte russische Grammatik 45

 

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Übersicht

 

Echo Online

Sprachecke 08.04.2008 |  18.11.2014 | Begriffe Grammatik: Nomen

 

Datum: 04.02.2014

Aktuell: 12.03.2018