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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Moralinsäure

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wir mögen es nicht, wenn uns jemand mit säuerlichem Gesicht und erhobenem Zeigefinger ermahnt und belehrt.

Friedrich Nietzsche war es wohl, der Ende des 19. Jahrhunderts das Moralin entdeckt hat. Das klingt nach einem Mittel oder Hormon, das bewirkt, dass Menschen griesgrämig werden und Moral predigen.[1] Sie machen ein säuerliches Gesicht dabei und den so Gemaßregelten stößt es sauer auf, moralinsauer.[2] Wir sind ja keine kleinen Kinder, die man erziehen muss.

Zu Nietzsches Zeiten war Moral predigen eine Aufgabe der Kirchen. Man erwartete von den Pfarrern, dass sie ihre Gläubigen zu anständigem Verhalten ermahnten. Die Studentenrevolution 1968 stellte alle Autoritäten in Frage, also auch Moralvorschriften, die man als Unterdrückung und Einengung der Freiheit empfand. Für einen kurzen Augenblick schien alles erlaubt, was niemand schadet. Dann aber schnellten die moralischen Zeigefinger in die Höhe. Offenbar können wir Menschen doch nicht ohne Moralin leben.

Moral ist die 'Sittenlehre' von gut und böse und vom rechten Verhalten. Das Wort  kommt von lateinisch môrális 'der Sitte entsprechend'. Das Grundwort ist môs 'Sitte'. Man hat Moral daher mit 'Sittlichkeit' übersetzt und moralisch mit 'sittlich'.

Sitten[3] sind auch Adventskranz und weißes Brautkleid, das hat mit Moral nichts zu tun und gehört zu den Bräuchen. Die Moral steht zwischen Sitte und Gesetz. Der Gesetzgeber hat erkannt, dass er nur verbieten und bestrafen kann, was sich kontrollieren lässt. Deshalb wurde zum Beispiel der Ehebruch aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, nicht weil er jetzt erlaubt wäre, sondern weil der Staat nicht in den Schlafzimmern spionieren will. Moral tritt also ergänzend zum Gesetz. Die Obrigkeit traut erwachsenen Bürgern zu, dass sie sich auch ohne Strafandrohung an die Regeln des Zusammenlebens halten. Die Frage ist, wer heute diese Regeln festlegt, lehrt und überwacht. Jeder nach Gutdünken? Ist es gut, wenn jeder Moralin speit? Wäre es besser, wenn es keine Moral mehr gäbe?

Die eigentliche deutsche Entsprechung von Moral ist Anstand, um 1700 aus der Wendung entstanden "was dir wohl ansteht",[4] heute würden wie sagen "was dir gut steht", was dich ziert, was schön an dir aussieht  - nicht nur Kleider, sondern auch Handlungsweisen, Betragen, Benehmen.

Statt "es steht dir gut an" sagen wir heute in Sachen Moral: "Es ziemt sich" oder "es gehört sich." Ziemen ist verwandt mit zimmern 'Hölzer passend machen und zusammenfügen'.[5] Daher sagen wir auch "es passt sich". Gehören ist in diesem Fall dasselbe wie gehorchen: hören und Folge leisten.[6] Das unpersönliche sich gehören drückt aus, dass es da nicht um Befehlshaber geht, sondern um ungeschriebene Gesetze und das Gewissen.

 

[4] DWDS  - rechts: Etymologisches Wörterbuch (nach Pfeifer)

 

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Echo Online
Begriffe Sitte | Sprachecke 09.12.2008

 

Datum: 25.02.2014

Aktuell: 15.11.2016