Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Bernsteins Kraft

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Unter Strom verstehen wir heute vor allem das, was aus der Steckdose kommt. Bernstein gab dieser Energieform ihren Namen.

Strom nennen wir aber immer noch die Bewegung des Wassers. Rhein und Donau sind Ströme, Main und Neckar müssen sich mit dem Titel Fluss zufrieden geben. Modau und Gersprenz sind nur Bäche. Ein "Strom" ist es auch, wenn uns die Muskeln oder Gelenke schmerzen. Früher sagte man Fluss, heute sprechen wir von Rheuma (als Schmerz) oder Rheumatismus (als Krankheit). Wie schon am rh zu erkennen, ist Rheuma ein griechisches Wort und hat fast denselben Sinn wie unser Strom, nur noch mit der medizinischen Zusatzbedeutung, im Neugriechischen auch von der Elektrizität. Beide Wörter haben denselben Ursprung: indogermanisch sreuma / srauma. Da die Griechen das anlautende s- weitgehend verloren haben, wurde aus dem ersten Wort rheuma. Viele Indogermanen schoben zwischen s und r ein t, so wurde aus dem zweiten Wort germanisch straumas und deutsch Strom.[1]

Der elektrische Strom ist eine Entdeckung der Neuzeit. Das physikalische Prinzip, das dahinter steckt, ist lange bekannt, beim Blitz und der statischen Aufladung. Schon im Altertum beobachtete man, dass Bernstein, wenn man ihn reibt, kleine Teilchen anzieht. William Gilbert nannte 1600 diese Kraft electrica 'bernsteinig',[2] eine Weiterbildung von griechisch êlektron 'Bernstein'.[3]

Vergleichbar mit diesem rätselhaften Namen ist nur noch êléktôr, ein Beiname der Sonne. Das erinnert wiederum an aléktôr 'Hahn', dessen Name sich erklären lässt mit aléksein 'abwehren'. Vergleichspunkt ist wohl, dass die Sonne der Dunkelheit wehrt und der krähende Wecker ihr dabei hilft (und nicht nur den neuen Tag ankündigt). Und der Bernstein? Diente nicht nur als Schmuck, sondern auch als Amulett, das Unheil fernhalten sollte.[4]

Die Griechen bezogen den kostbaren Rohstoff von den Händlern der Bernsteinstraße.[5] Die Germanen lasen ihn am Strand auf. Sie nannten ihn (in lateinischer Schreibung) glaesum 'etwas Grünes, Gelbes'. Die hochdeutsche Form bezeichnet heute das Glas, das ursprünglich grün war.[6] Bernstein brennt wie Harz lichterloh, daher sein prosaischer Name "Brennstein".[7]

Der Bernstein gab auch den geladenen Elementarteilchen ihren Namen, den Elektronen (êlectrónia, Einzahl -ium), die um den Atomkern kreisen und durch die elektrischen Leitungen sausen und so den "elektrischen Strom" bilden. Sie erzeugen Wärme und Licht, übertragen Informationen und lassen Motoren laufen. Die moderne Technik hat weitere Anwendungen entdeckt: die Elektronik. Mit Hilfe von Verstärkern wurden Rundfunk und Fernsehen möglich. Durch winzige Schalter können Maschinen sich selbst steuern, rechnen und Daten verarbeiten.[8]

 

[7] Lautumstellung wie Brunnen > Born

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

Begriffe Bernstein

 

Datum:

Aktuell: 16.02.2018