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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wilde Bestien

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Hund und Katze sind zahm, Wolf und Löwe wild. Zu wilden Bestien können auch zahme Tiere werden, wenn man sie reizt.

Zahm muss nicht heißen 'brav und fügsam', sondern nur 'an das Zusammenleben mit dem Menschen gewöhnt'. Zahm, indogermanisch domós 'gewöhnt, häuslich'[1] ist das Adjektiv von dómus 'Haus'.[2] Der Hund lebt mit dem Menschen seit über 40.000 Jahren zusammen,[3] das Kaninchen erst seit 500 Jahren.[4] Der Fachbegriff für die Zähmung von Tieren ist Domestikation, zu lateinisch domesticus 'häuslich'.[5]
Auch in Gefangenschaft geborene Arbeitstiere müssen "gebändigt" und an das Arbeitsleben gewöhnt werden. Dazu bediente man sich früher teilweise brutaler Methoden - wie bei der Erziehung der Kinder. Zeichen der Bändigung ist, dass man die Tiere anbindet und am Weglaufen hindert. Der Hund muss in der Öffentlichkeit an der Leine laufen. Zugtiere werden mit Strängen vor den Wagen gespannt und mit der Leine gelenkt. Wüstenbewohner legen ihren Tieren bei der Rast Beinfesseln an.
Der Löwenbändiger im Zirkus hat seine Tiere nicht "gebunden", sondern dressiert, dass sie Kunststücke lernen und vorführen. Ungefährlich ist seine Arbeit nicht. Heute sagen wir Dompteur 'Zähmer', französisch aus lateinisch domitare 'zähmen.[6]

Freilebende Tiere sind wild. Das bedeutet zunächst nur, dass sie nicht dem Menschen gehorchen, sondern ihrem eigenen Willen folgen. Wild ist das Adjektiv von wollen. Wer seinen eigenen Kopf hat, lässt nicht über sich verfügen und wird wütend, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht. So bekam wild die Bedeutung 'aggressiv'.[7]

Ein aggressives und gefährliches Tier nennen wir Bestie, von lateinisch bêstia 'Tier, Raubtier, Untier', seit dem 13. Jahrhundert im Deutschen gebräuchlich. Das Wort war auch im Lateinischen nicht heimisch und stammt wohl aus einer anderen altitalischen Sprache. Dort stand b für indogermanisch gw. Grundwort ist gwei- 'leben', lateinisch vîvere. Die Bestie (gweiestia) war also ein 'Lebewesen'. Sie ist die ältere Schwester des Biests, im 16. Jahrhundert über einen rheinischen Dialekt aus altfranzösisch beste ins Hochdeutsche übernommen.[8]

Viel kleiner als die Bestie, aber genauso unbeliebt ist das Ungeziefer, alles was kleiner ist als eine Maus und uns schadet oder nicht gefällt. Die Vorsilbe stellt das Ungeziefer mit dem Untier, Unmenschen und Unwetter auf eine Stufe: un- kennzeichnet hier nicht das Gegenteil, sondern etwas Böses. Das Ungeziefer ist also böses Geziefer. Dieses Wort muss man wohl verstehen wie Gewimmel, hessisch Gezäwwel 'alles was wimmelt oder zappelt'. Ziefern ist überliefert in der Bedeutung 'vor Kälte bibbern';[9] ähnliche Wörter bedeuten 'trippeln', eine Lautgeste für 'Glieder schnell bewegen'.[10]

 

 

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Echo Online

Begriffe Tiere | Sprachecke 16.09.2014 | 30.09.2014

 

Datum: 23.09.2014

Aktuell: 27.05.2017