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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Deutsch ohne Zukunft

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Hat unsre deutsche Sprache eine Zukunft? Wird sie durch mangelnde Kenntnisse und englische Modewörter ruiniert?

Darüber brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Jahrhundertelang haben das Lateinische und Französische das Deutsche überlagert und doch nicht kaputtgemacht. Ob Deutsch eine Zukunft haben wird, können wir nicht wissen.

Aber eins ist sicher: Deutsch hatte noch nie eine Zukunft, wie alle germanischen Sprachen - nicht die Zeit, die auf uns "zukommt", sondern die grammatische Form des Futurs.
Die germanischen Sprachen haben nur zwei eigene Zeitformen: Gegenwart singe, sage und Vergangenheit sang, sagte, dazu das Partizip der Vergangenheit gesungen, gesagt. Das Altgriechische hatte vier Vergangenheitsformen und eine Zukunft. Das Lateinische kannte nur drei Arten von Vergangenheit, aber zwei Arten von Zukunft. Die Zeiten werden teils durch Ablaut gebildet (sing- /sang-, lateinisch fac- / fêc 'tun'), teils durch eine Einfügung (sag-, sag-t-, lateinisch al- / al-u- 'nähren'). Dazu kommen Endungen, an denen man die Person (ich, du...) und die Zahl (ich / wir...) erkennen kann (singe / singst / singen...).

Das gilt auch für die Zukunft. Beispiel im Lateinischen: Stamm lauda- 'lob-', Zukunft laudâ-b-is, 'lob-(Futur)-st', alles in einem Wort. Wir bilden die Zukunft mit ich, du... und werden: "du wirst loben", ähnlich englisch "you will praise". Wir haben also keine eigenen Zukunftsformen, aber wir können mit mehreren Wörtern ausdrücken, dass wir die Zukunft meinen.

Das ist aber sehr verwaschen: "Ich komme", das kann Gegenwart und Zukunft sein. "Sie wird schon kommen", "er wird es vergessen haben" sind Vermutungen, Hoffnungen, Befürchtungen, also Gesichtspunkte, die nach der klassischen Grammatik zum Konjunktiv (Möglichkeitsform) gehören.

Nach lateinischem Empfinden ist "er wird es vergessen haben" zweites Futur, das ausdrückt, dass etwas in der Zukunft geschieht, aber noch vor einem noch späteren Ereignis: "Si me visitaveris, tibi gratus ero", 1. wenn du mich besucht haben wirst, 2. werde ich dir dankbar sein. Wir meiden solche umständlichen Formulierungen und sagen "Ich bin dankbar, wenn du kommst" oder "Ich freue mich auf deinen Besuch" (als Antwort auf die Ankündigung) oder "Über Ihren Besuch würde ich mich freuen" (als Einladung) - man weiß ja nicht, ob der Eingeladene wirklich kommt, daher die Möglichkeitsform mit würde.

'Zukunft' heißt auf Lateinisch futûrum 'was sein wird', daher das Futur als Name der grammatischen Form der Zukunft. Im ursprünglichen Sinn gebraucht ist dieses Wort bei Horaz:[1] "Quid sit futurum cras, fuge quaerere", frag nicht, was morgen sein wird.[2]

 

[2] Horaz, Carmina I,9,13

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Echo Online

 

Datum: 21.10.2014

Aktuell: 26.03.2016