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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Heiliges Käppchen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Am 11. November ist Martinstag. An diesem Tag im Jahr 397 wurde Martin, der Bischof von Tours, beigesetzt.[1]

Er musste seinen römischen Wehrdienst in Gallien ableisten. Dort zeichnete er sich durch seine Demut, Bedürfnislosigkeit und Freigiebigkeit aus. Alles, was er nicht unbedingt brauchte, verschenkte er, sogar die Hälfte seines Soldatenumhangs. In der Nacht erschien ihm Christus, mit diesem Tuch bekleidet.[2] Das bewegte Martin dazu, sich taufen zu lassen. Er lebte nach seiner Entlassung einige Zeit in einem Kloster und wurde dann zum Bischof von Tours gewählt.

Der Umhang hieß auf Lateinisch chlamys,[3] ein Wort aus dem Griechischen. Das war eine Decke über der linken Schulter, die mit einer Brosche auf der rechten Seite zusammengehalten wurde.[4] Man konnte dieses Cape also leicht halbieren, und es war keineswegs schäbig von Martin, dass er dem Bettler nicht den ganzen Mantel gab, denn der war alles, was er an Kleidern besaß, und er brauchte ihn nachts als Decke.

Hundert Jahre nach Martins Tod ließ sich der fränkische König Chlodwig taufen.[5] Seine Nachkommen, die Merowinger, erhoben Martin zu ihrem Nationalheiligen, aber von der Verehrung des chlamys hören wir nichts. Erst 675 wird ganz selbstverständlich von Eiden berichtet, die man leisten musste im Betraum des königlichen Palasts über der capella domni Martini, dem Mäntelchen des Herrn Martin. Diese Reliquie bekam im Merowingerreich immer größere Bedeutung. Als ihre Hüter wurden capellani 'Mänteler' eingesetzt. Unter den Karolingern spielte dieses Andenken keine Rolle mehr. Die capellani aber gab es weiter, jetzt als "Hofprediger", das gesamte geistliche Personal bekam nun den Namen capella, der dann auf den Andachtsraum übertragen wurde. Heute ist ein Kaplan ein katholischer Pfarrer auf Probe und eine Kapelle eine kleine Kirche. In Italien nannte man im 14. Jahrhundert capella auch ein 'kleines Orchester', daher hat Kapelle seit dem 15. Jahrhundert auch in Deutschland diese Bedeutung.[6]

Capella hieß auch eins der Messgewänder, wahrscheinlich die Kasel,[7] ein Umhang mit Kapuze, der bis zu den Waden reicht. Das erklärt die Verkleinerungsform auf ‑ella. Denn eine cappa war länger und reichte bis an die Füße. Der Mantel des heiligen Martin war kürzer, daher capella. Wie er aussah, ist allerdings nicht überliefert, man kann sich nur seine Gedanken über das Wort machen - und dabei irren.

Älteste Bedeutung von cappa ist aber nicht 'Mantel', sondern 'Kapuze', ein lateinisches Wort, das erst nach 550 bezeugt ist. Davon kommt unser Kappe, heute das hessische Wort für 'Mütze', während das englische cape einen Umhang bezeichnet, ursprünglich aus der spanischen Mode.[8]

 

[2] Sulpicius Severus, Vita Sancti Martini (deutsch) Kapitel 3

[3] (lateinisch) 3,2

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Begriffe: Heiliger Ort | Kleider

 

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Aktuell: 26.03.2016