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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Hehre Greise

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserbrief

 

"Ein Mensch, erst zwanzig Jahre alt, ... hält (Greise) für verkalkte Deppen, Die zwecklos sich durchs Dasein schleppen."

Sobald er aber selbst in dieses Alter kommt, sagt er, "vergessend frühres Sich-Erdreisten: Die Rotzer sollen erst was leisten!" Treffend hat Eugen Roth[1] diesen Sinneswandel in seinem Gedicht "Weltlauf" karikiert.[2]

Er gebraucht hier das gewählte Wort Greis. Ein Greis ist so altmodisch wie sein Name. Wie sagt man stattdessen?

Die Jugend der 80er-Jahre nannte ihn respektlos Grufti, am Rand der Grabesgruft.[3] Die der Onkel-/ Tante-Generation sagte Opa und Oma. Großeltern sahen noch vor 50 Jahren älter aus als heute die Urgroßeltern, alt und verbraucht, vom Leben gezeichnet.
Opa, Oma kam nach 1870 auf, verkürzt aus Opapa, Omama, als kindliche Lallwörter um 1800 entstanden aus Großpapa, Großmama, und diese nach der französischen Mode seit dem 18. Jahrhundert an Stelle von Großvater, Großmutter, die im 14. Jahrhundert das verschwommene Ahn ersetzten.[4]

Standardwort ist der Alte, die Alte,[5] ein ungenauer Ausdruck, denn so nennt man auch einen Elternteil, die bessere Hälfte (beide mit "mein") sowie den Chef (mit "der"). Ungenau auch deshalb, weil alt bedeuten kann 'älter als ich' oder 'schon seit langem' ("alter Freund"). Ferner unterscheiden wir zwischen der Zahl der Jahre und dem Zustand, der uns einmal droht: Wir wollen "alt werden, aber nicht alt sein". Seltsam ist, dass die Älteren zwar älter sind als die Jungen, aber jünger als die Alten. Alt kann also 'hochbetagt' sein, älter 'nicht mehr jung und noch nicht alt'.

Heute leben wir länger als früher, und damit verschiebt sich das Endstadium des Lebens immer weiter nach hinten. Dazwischen hat sich eine Lücke aufgetan. Die jungen Rentner sind körperlich und geistig meist noch rüstig und keine zitternden Tattergreise. Wir nennen sie Senioren, von lateinisch sénior 'älter' (zu sénex 'Greis').[6]

Senioren haben nichts mehr zu sagen, anders als in der guten alten Zeit. Da bekamen die romanischen Nachfolgewörter spanisch señor, italienisch signore, französisch seigneur, mittellateinisch senior die Bedeutung 'Herr'. Das klassische Wort war dóminus,[7] christlich auch von Gott und Christus. So wollte man menschliche Autoritäten nicht mehr nennen.[8]
Im Deutschen hatten wir dieselbe Entwicklung, im Althochdeutschen hießen Gott und Christus frô(n) 'Vormann'[9] und truchtin 'Truppenführer'[10], für das menschliche Oberhaupt wählte man hêriro 'der Ältere', zu hêr 'grauhaarig, alt'. Beide Wörter wurden damit geadelt zu Herr und hehr.[11] Für die Haarfarbe sprang das altniederdeutsche grîs ein, heute greis ("das greise Haupt"). Von solcher Wertschätzung als "hehr" können wir heutigen Greise nur träumen.[12]

 

[1] Eugen Roth (Dichter) – Wikipedia

 

   


Leserbrief:

Grufti war eigentlich eine Spielart der Rock-Punk-Szene der 70er / 80er Jahre. Sicher sind Ihnen damals auch junge Menschen aufgefallen, die tiefschwarz gekleidet und geschminkt herumliefen. Sie wurden von anderen in der jungen Szene-Gruppen als "Gruftis" bezeichnet.

Außenstehende / Nichteingeweihte haben diese Bezeichnung dann als drastisches pauschales Unterscheidungsmerkmal pubertierender Jugendlicher auf die eigentlich auch noch junge Eltern-Generation irrtümlich bezogen.

Seinerzeit war von 30/40-Jährigen oft ironisch zu hören: Ja. ja, wir  sind schon allesamt "Gruftis"... Da die Mehrzahl von Punk- und Drogenszene keine Ahnung hatte, hat sich diese falsche Bedeutung durchgesetzt.

   

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Echo Online

Sprachecke 17.03.2009

 

Datum: 27.01.2015

Aktuell: 26.03.2016