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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Junges Gemüse

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Junges Gemüse, hessisch auch Gewärzel (Gewürzel) nennen wir scherzhaft unsern Nachwuchs, dem die Zukunft gehört.

Nachwuchs 'was nachwächst' ist zuerst wohl von jungen Pflanzen gesagt, zum Beispiel im Wald.[1] Junges Gemüse ist nicht, was jung und zart auf den Teller kommt, sondern was man im Frühjahr in den Garten pflanzt. Gewärzel ist eine Sammelbezeichnung für Wurzeln im Sinn von 'Rüben'.[2] Gemeint ist die nachwachsende Generation, die nicht automatisch "nachwächst" wie im Urwald, sondern die gepflegt, großgezogen, erzogen und für das spätere Leben herangezogen werden muss. Nicht nur Familien brauchen Nachwuchs, sondern auch Vereine, Betriebe, Verbände und Religionsgemeinschaften. Wer keinen Nachwuchs hat, stirbt aus.

Wenn's um die Familie geht, sagen wir gewöhnlich nicht Nachwuchs, sondern Kinder 'leibliche Nachkommen, Söhne, Töchter'. Grundbedeutung ist 'Gezeugtes, Geborenes', dann auch 'Mensch im ersten Lebensabschnitt'.[3] Daher kann die Uroma zum Opa sagen: "Du bist immer noch mein Kind" - auch wenn er überhaupt nicht kindisch ist.

Nicht nur Kind, auch Wörter für Jungtiere sind oft sächlich (Kalb, Fohlen, Ferkel, Kitz, Küken), weil in diesem Alter das Geschlecht noch keine Rolle spielt. Wer am Anfang des Lebens steht, ist noch klein, daher sind auch Wörter mit Verkleinerungssilbe (Käppchen, Tischlein) sächlich.

Wie lange dauert die Kindheit? Man sollte annehmen, dass sie spätestens mit der Gründung einer eigenen Existenz endet. Die wesentlichen Entwicklungssprünge sind zur Zeit der Schulreife und in der Pubertät.[4]

Der mittelalterliche Sprachgebrauch gibt keine eindeutige Antwort. Auch nach der Eheschließung und nach dem Ritterschlag konnte ein Mensch noch Kind genannt werden,[5] vielleicht in den Augen älterer Leute oder aus Gewohnheit. Genauer unterschied man auf Lateinisch înfans 'Kleinkind' (bis 7)[6], púer, puélla 'Schulkind' (bis 13)[7] und adolêscens 'junger Erwachsener' (14-30)[8] und auf Deutsch Kindlein, Kind (Knabe, Jungfrau) und Jüngling / Jungfrau.[9]

Der alte deutsche Sprachgebrauch scheint gegenüber dem Lateinischen ungenau und verwaschen, war aber begründet: Der Jüngling schied in der Regel mit 14 aus dem Familienverband aus, verdingte sich als Knecht oder machte eine Ausbildung, wohnte bei seinem Arbeitgeber und unterstand dessen Aufsicht. Die Jungfrau konnte allenfalls als Magd oder Hausgehilfin arbeiten, sonst blieb sie zu Hause und unter der Obhut des Vaters.

Auch die heutige Unterscheidung zwischen Kindheit und Jugend (vor und nach der Pubertät) ist ungenau. Erschwerend tritt hinzu, dass die Geschlechtsreife heute früher einsetzt, das Erwachsenwerden sich aber verzögert wegen der langen Ausbildung.

 

[9] Diefenbach 196; 471; 13

 

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Datum: 03.02.2015

Aktuell: 08.10.2016