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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Nudeldicke Dirn

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserfrage

 


Wasserspatzen TIn

 

"Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn. Gehn wir in den Garten, schütteln wir die Birn" heißt es in einem Kinderlied.[1]

Was waren das für Leute? Eine kleine Dickmadam und ein langer Lulatsch? Er ein 20 cm großer Riese und sie ein spagettidicker Moppel? Eine gewollte Mehrdeutigkeit?

Das nudeldicke Mädchen kann nichts dafür, wenn wir auf falsche Gedanken kommen. Schuld daran sind die Gänsemäster. Die haben nämlich ihr Federvieh nicht nur gefüttert, sondern genudelt, mit länglichen Nudeln "gestopft" und zwangsernährt.[2]

Die Nudeln[3] heißen in einigen Gegenden Knödel[4] und die Dampfnudeln auf Hessisch Hefeklöße. Nudel und Knödel sind dasselbe Wort. Knödel, hessisch Knoddel 'Verdickung, Knoten' lassen die Herkunft aus dem Deutschen erkennen.[5] Nudel dagegen kommt von lateinisch nôdus 'Knoten', Verkleinerung nôdulus, nôdilus 'Knötchen'. Im Lateinischen ist im Anlaut g vor n geschwunden, wie bei nôtus 'bekannt' / î(n)-gnôtus 'unbekannt'[6].

Spätzle sind ein typisch schwäbisches Nudelgericht.[7] Ursprünglich wurden sie aus dem weichen Teig von einem Brett ins kochende Wasser geschabt und hatten daher eine unregelmäßige Form. Spätzle sind kleine Spatzen 'Sperlinge'[8]. Die großen Spatzen sind Teigklumpen, die mit dem Löffel abgestochen und ins siedende Wasser geworfen werden. Sie sind größer als die Spätzle, aber kleiner als Klöße. Spatzen gelten als sprichwörtlich klein und haben eine gedrungene Gestalt, wie die "Wasserspatzen".[9]

Eine andere süddeutsche Spezialität sind die gefüllten Maultaschen 'Taschen fürs Maul' - Maul ist in vielen Dialekten das Standardwort für 'Mund'.[10] Die italienische Entsprechung ist Ravioli, im 13. Jahrhundert vulgärlateinisch rabiólae, das waren in Friaul eine Art Nudeln, in Frankreich 'Steckrüben, Rettiche', zu lateinisch râpa 'Rübe'. Vergleichspunkt war wohl die damals längliche Form.[11]

Diese "Teigrüben" heißen bei uns Schupfnudeln. Manche Köchinnen machen sie heute noch selbst und schupfen 'stoßen und rollen' sie zwischen den Händen. Schupfen kommt von schieben und hat eine ähnliche Bedeutung.[12]

Beliebte italienische Nudeln sind Spagetti 'Fadennudeln', Verkleinerung von spago 'Bindfaden'.[13] Zu Spagetti mit Tomatensoße sagen wir Pastasciutta, bekannt geworden von der Speisekarte beim Italiener. Das Wort bedeutete ursprünglich 'Nudeln', eigentlich past(a) asciutta 'getrockneter Teig'. Die Soße gehört dazu wie der Senf zum Würstchen. Heute sind die Nudelgerichte unter Pasta zusammengefasst, das ist allgemein 'Teig, Brei'.[14]

Auch die Röhrennudeln, die wir unter dem Namen Makkaroni kennen, stammen aus Italien. Das zugrundeliegende lateinische macca bezeichnete ebenfalls eine Art Teig, den 'Bohnenbrei'.[15]

 

[6] Kreuzdenker, Etymologie: kennen
Latein und Germanisch sind indogermanische Sprachen und haben viele Gemeinsamkeiten in Wortschatz und Grammatik (mûs = Maus; ûnus = eins; pátris = Vaters; est = ist; sunt = sind; sécat 'schneidet ab' = sägt).

 

   

 

Leserfrage:

In Ihrer heutigen Sprachecke steht Spagetti ohne h, warum?

Meine Antwort:

Die Italiener haben andere Schreibregeln als wir. Normalerweise werden c und g + a, o, u  mit [k, g] gesprochen, + e, i mit [tɕ, dj]. Das haben sie von den Römern geerbt. Lateinisch lacus war der 'See', die Mehrzahl laci wurde [latʃi] gesprochen. Die heutigen Italiener haben's gern einheitlich und sagen [lago, lagi]". Damit man aber nicht [ladʒi] liest und sich wundert, was das sein soll, schreibt man hinter dem g ein h, also lago / laghi. Also auch spago 'Faden', spaghetti 'Fädchen'. Genauso bei zucca 'Kürbis', Verkleinerung zucchini. Meine Mutter sagte immer "Zuschini", da sehen Sie, welche Verwirrung die unterschiedlichen Schreibregeln stiften. Daher hat man die Spagetti noch dünner gemacht, als sie ohnehin sind und das h abgeschafft.

Das Gegenteil haben wir bei pastasciutta: -scutta wäre "-skutta", soll aber mit [ʃ] gesprochen werden, wofür das i sorgt.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 10.02.2015

Aktuell: 16.02.2018