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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Besinnliche Fastenzeit

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Im Dezember wünschten wir eine "besinnliche Adventszeit". Warum jetzt nicht auch eine "besinnliche Fastenzeit"?

Mehr als ein Wunsch war das in der Vorweihnachtszeit wohl nicht. Und ähnlich hektisch wird es auch in den Wochen vor Ostern zugehen, wie das ganze Jahr über.

Besinnlich ist, wenn man sich besinnt und nachdenkt: "Besinn dich doch mal", krame in deinem Gedächtnis, "wo du den Schlüssel zum letzten Mal hattest." - "Erst besinn's, dann beginn's", denke nicht nur nach, sondern auch vor, spiele die einzelnen Handgriffe im Kopf durch, suche nach Schwachpunkten, optimiere dein Tun und erwäge auch die Folgen.

Bei der Schlüsselsuche und beim Planen gehen wir im Geist einen Weg. Manchmal sind unsre Gedankengänge so klar, dass auch andere ihnen folgen können. Genau das ist die Grundbedeutung von sinnen: Germanisch senthus, althochdeutsch sind war 'Weg, Reise', davon abgeleitet sind senthnan, althochdeutsch sinnan 'ein Ziel anstreben', und santhjan, senten 'in Bewegung setzen, schicken'. Das war zunächst wörtlich von der Ortsveränderung gesagt, aber schon im Indogermanischen auch vom Geistigen. Das zeigen lateinisch sentire 'fühlen, empfinden, wahrnehmen' und sênsus 'Gefühl, Sinn, Gesinnung, Meinung'.[1]

Sinn ist kein Nachkomme von sind 'Weg', sondern rückgebildet aus sinnen und hat, beeinflusst vom Lateinischen, schon im Althochdeutschen die räumliche Bedeutung abgelegt. Wir gebrauchen dieses Wort heute in vielfältiger Weise: vom Vermögen, unsern Körper und unsre Umgebung wahrzunehmen, uns ein inneres Bild davon zu machen und uns vorzustellen, wie wir ein Ziel erreichen. Dabei müssen wir oft "unsre Sinne zusammennehmen", weil schwierige Aufgaben unsre ganze Aufmerksamkeit fordern. Die Freuden der Zweisamkeit sind leiblich erfahrbar, sinnlich. Oft fehlt uns der Sinn und die Verständnisbereitschaft für das, was andere Leute interessiert. Betrunkene sind nicht mehr "Herren ihrer Sinne", Verrückte "von Sinnen", Bewusstlose "ohne Besinnung". Gesinnungsgenossen schließen sich zusammen zu Gemeinden, Vereinen, Clubs, Parteien. Ein "Gesinnungslump" hält sich an keine Prinzipien und kann trotzdem besonnen handeln. Das Lesen hat mir Spaß gemacht, seit ich erkannt hatte, dass der Buchstabensalat einen Sinn ergab. Leider ist es oft auch Unsinn, was geredet, geschrieben und getan wird. Auch Tun kann einen Sinn haben, einen Zweck, die Absicht ein Ziel zu erreichen.

Nicht nur Philosophen denken über den "Sinn des Lebens" nach. Denn wer nicht gebraucht wird, fragt sich, wozu er auf der Welt ist. Es geht um unsern Platz und unsre Aufgabe und wie wir uns im Chaos von Lust und Leid zurechtfinden.

 

[1] Kreuzdenker, Etymologie: senden

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Echo Online

Begriffe: Psychologie | Sprachecke 23.08.2011

 

Datum: 24.02.2015

Aktuell: 08.03.2017