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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zärtlichkeiten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ältere Geschwister lernen schnell, dass sie das Baby nur zart anfassen dürfen, "ei machen", nicht talgen und knuddeln.

Talgen 'fest drücken, kneten' ist verwandt mit Talg 'Fett' und bedeutete im 15. Jahrhundert 'eine weiche Masse zusammendrücken'[1]; hessisch dalge ist, wenn man beim Streicheln zu fest zupackt.[2] Knuddeln und knutschen sind wie kneten und knautschen Lautideen für 'zusammendrücken, ballen'. Lautideen sind Symbole für Bewegungen, vergleichbar mit Schallwörtern, die Geräusche nachahmen (knattern, knallen).[3] Liebespaare knutschen 'umarmen und küssen' einander und Erwachsene knuddeln Kinder.

Körperliche Berührung streichelt auch die Seele und manche Menschen gehen sehr großzügig damit um. Aber nicht jeder mag das. Das ist eine Sache der Gewohnheit. Auch Verliebte brauchen Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen. Es beginnt vielleicht mit Liebäugeln, Weggucken, Blickkontakt, scherzhaften Worten, denn "wer sich liebt, der neckt sich". Man ist gern mit dem anderen zusammen, schäkert und redet stundenlang miteinander. Erst langsam wagt man einander zu berühren, zu küssen, kosen und schmusen.

Schäkern 'scherzen, flirten' bedeutete ursprünglich 'lachen' und ist eine Weiterbildung des Schallworts keckern und letztlich des Lachlauts haha.[4]
Auch Kuss war mal ein Schallwort, wie die Varianten hethitisch kuvas-, lateinisch basium, deutsch Bussi, baskisch musu erkennen lassen.
[5] Der "Schmatz", die Lippen schließen und beim Öffnen Luft ansaugen, kommt in den eurasischen Sprachen nicht mehr vor, wohl aber bei den Ureinwohnern Südafrikas.[6] Ku, b und m sind Ersatz für den ungewohnten Laut.

Kosen und schmusen bedeuten heute 'Zärtlichkeiten austauschen', ursprünglich aber 'reden'. Lateinisch cáusa , später côsa war der lautstarke 'Rechtsstreit' vor Gericht, dann auch 'Rechtssache' und 'Sache' allgemein. Aus causâri 'Gründe nennen' wurde althochdeutsch kôsôn 'sprechen, erzählen', mittelhochdeutsch kôsen 'plaudern' und seit dem 15. Jahrhundert 'zärtlich sein'.[7]

Schmusen, jiddisch schmuoßen 'geschäftlich verhandeln' ist rückgebildet aus schmu'oß 'Gespräch, Geschwätz', Mehrzahl von schmu 'Betrug, Lüge, Schmu'. Das hebräische Grundwort schamôa bedeutet 'hören', daher schemu'â 'Gehörtes, Nachricht, Gerücht', und dem darf man nicht immer glauben.
Im Westjiddischen hatte schmuoßen auch die Bedeutung 'eine Ehe stiften', wie in "Anatevka"
[8] durch eine Ehevermittlerin, deren Dienst auch der altmodische Tevje für seine Töchter in Anspruch nahm. Als Ostjude gebrauchte er schmuoßen aber nur im Sinn von 'reden', nicht von 'makeln' oder gar von 'zärtlich sein'. Den Juden in Deutschland war diese erotische Bedeutung geläufig.[9]

 

 

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Echo Online

Begriffe: zärtlich | Sprachecke 17.03.2015

 

Datum: 10.03.2015

Aktuell: 17.12.2016