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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Buben und Dirnen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Keine Bange, es wird nicht anrüchig. Buben und Dirnen sind Minderjährige. Aber man kann's auch anders verstehen:

Für einen Bayern sind Buam un Dirn 'Burschen und Dienstmägde'. Die Niederländer denken bei boefen en deerns an 'schwere Jungs und leichte Mädchen', obwohl deern eigentlich dasselbe ist wie meisje 'Mädchen'. Die Plattdeutschen können sich unter Buben nichts vorstellen und Deerns sind minderjährige Frauen. Dagegen ist für uns Südwestdeutschen Dirne ein Fremdwort, wir sagen Mädchen oder Mädle. Buben dagegen sind junge Mannsleute, vom braven Musterknaben bis zum ungezogenen Bösewicht. Noch eindeutiger als die Holländer verstehen die Hochdeutschen 'Gauner und Prostituierte'. - Wie kommt es zu diesem Durcheinander?

Mädchen ist die Verkleinerungsform von Magd, also Mägdchen. Magd war ursprünglich die 'jugendliche Frau'. Magd bekam im Mittelalter auch die Bedeutung 'unberührte Jungfrau'.[1]
Im Germanischen war magaths das Gegenstück zu magus 'jugendlicher Mann'.
[2]
Dieses Wort ging im Süden verloren, stattdessen sagte man Knabe[3] und Knecht[4], beides im Sinn von 'kurzes Holzstück', wie wir heute im gleichen Sinn Bengel 'Knüppel; Flegel' sagen.
Die alte Bedeutungen von Magd und Knecht haben sich lange gehalten. Noch meine Großmutter nannte meine Schwester "meu Maogd" und mich "meun Knäächt", hier im Sinn von 'Kind', in anderen Fällen aber von 'Arbeitskraft',

Knabe hat sich aus der Umgangssprache verabschiedet. Stattdessen setzte sich im Norden Junge, im Süden und am Rhein Bub durch. Dieses Wort taucht kurz vor 1300 bei mehreren Schriftstellern auf, und zwar in den noch heute gebräuchlichen Bedeutungen 'Knabe' und 'Tunichtgut'. Im Romanischen gibt es ähnliche Wörter: italienisch babbeo 'dumm', bambino 'Kind', spanisch bobo 'Dummkopf' - Kinder sind halt erst mal dumm und machen Dummheiten, besonders die "Buben". Bube kann also aus dem Romanischen stammen. Das Grundwort bedeutet wahrscheinlich 'ba-ba sagen, babbeln' wie die "Babys", die noch nicht sprechen können.[5]
Jungen Leuten, die noch Dummheiten im Kopf haben, kann man nicht die volle Verantwortung übertragen und hat sie nur als Hilfskräfte beschäftigt, daher die heutige Bedeutung von Magd und Knecht. So auch der Bube im Kartenspiel, der oft eine Hellebarde in der Hand hält.
[6] Seine farbenprächtige Kleidung darf nicht drüber hinwegtäuschen, dass er nur ein "Landsknecht" ohne Dienstgrad ist, ein gemeiner Fußsoldat.

Die Dirne war ursprünglich weiter nichts als eine Dienstmagd und ist es in Bayern noch heute (germanisch théwerno(n) 'Dienerin' / théwanon 'dienen').  In vielen Gegenden wurde dieses alte Wort von der Konkurrenz Magd, Mädchen verdrängt.

 

 

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Echo Online

Begriffe:  Knecht und Herr | Sprachecke 17.03.2009

 

Datum: 24.03.2015

Aktuell: 26.03.2016