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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Halstücher

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wie andere Kleidungsstücke dienen Halstücher nicht nur praktischen Zwecken, sondern auch zur Zierde.

Ein seltener Glücksfall ist es, wenn wir genau wissen, wie ein Wort entstanden ist: Vom Baldin 'Wollschal' hört man in Hessen kaum noch was. Im 19. Jahrhundert war das Baldinchen Bestandteil der Odenwälder Frauentracht; die zwei Enden waren über der Brust gekreuzt. Um 1800 hieß er Palatine und war ein Schultertuch, dessen Zipfel vorne herabhingen[1], je nach Zweck und Geldbeutel aus Flor, Samt oder Pelz. Entstanden ist er am französischen Hof. Dort lebte seit ihrer Hochzeit (1671) "Madame Palatine", die gnädige Frau von der Pfalz, Élisabeth Charlotte de Bavière, Herzogin von Orleans, bei uns bekannt als Lieselotte.[2] In Versailles war es im Winter kalt, besonders für Damen in schulterfreien Kleidern, da hängte sie sich ihren Zobelpelz von daheim um. Die Hofdamen fanden das chic und trugen fortan Schulterpelz wie Madame Palatine. Wir wissen das aus einem Brief der Herzogin an ihre Tante in Hannover vom 04.11.1677.[3] Das Wort Palatine ist in Deutschland erstmals in einem Wörterbuch von 1712 bezeugt.[4]

Auch das Beffchen der Talarträger ist aus einem Schultertuch entstanden, dem Amikt, das unter dem Messgewand getragen wird.[5] Dieses Teil hieß im 15. Jahrhundert beffe, von altfranzösisch biffe 'Umhängetuch'.[6]

Lieselottes Schwager, Ludwig XIV.,[7] verdanken wir ein anderes Halstuch, die Krawatte. Das heißt, eigentlich nicht ihm, sondern seiner leichten Reiterei, die hauptsächlich aus Kroaten bestand, die man damals in Frankreich Cravates nannte. Um 1650 ist in Frankreich eine Halsbinde namens cravate bezeugt, die offenbar diesen Söldnern abgeschaut ist. Lieselotte ist erst 1652 geboren, konnte also nicht darüber berichten.[8]
Diese Halsbinde scheint ein dünnes Tuch gewesen, das vorne zu einer kunstvollen Schleife verknotet war, also die Vorform der Fliege.

Der heutige "Langbinder" wurde erst nach 1860 üblich.[9] Etwa in dieser Zeit kam unser Wort Schlips auf. Niederdeutsch Slippe 'zusammengebundene Tuchzipfel' ist die Entsprechung von Schleife und Schlaufe, hessisch Schlopp 'Knoten'. -s ist eine norddeutsche Erweiterung wie in Grips, Schnaps.[10]

"Jemand auf den Schlips treten" ist eine groteske Weiterbildung von "jemand zu nahe treten", konkreter "auf den Fuß treten".

Um 1900 sprach man vom Selbstbinder, gemeint war eine Krawatte, die man sich selbst binden muss, keine mit vorgefertigtem Knoten. Etwa zur gleichen Zeit nannte man so auch eine Erntemaschine, die Getreide nicht nur mähte, sondern auch zu Garben zusammenband, später abgelöst vom Mähdrescher. Eine Generation später war aus beiden der Binder geworden.[11]

 

 

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Echo Online

Begriffe: Kleider | Sprachecke 14.04.2015

 

Datum:

Aktuell: 10.06.2016