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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schal und Schleier

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der Schleier ist nicht orientalisch, sondern deutsch. Aber der Nachfolger des Baldins[1], der Schal, kommt aus Indien.

Eine verkehrte Welt, sollte man meinen, denn Kopftücher sind doch typisch muslimisch. Und wozu braucht man im heißen Indien wärmende Halstücher? Aber es ist nicht so, wie wir denken:

Bei uns auf dem Land war das Kopftuch bis vor 40 Jahren praktischer Teil der Arbeitskleidung, als Schutz vor Staub, Sonne und Kälte. Und in der Bibel steht, dass die Frauen beim Beten ihren Kopf bedecken sollen, die Männer aber nicht.[2] Daran hat man sich noch vor kurzem gehalten.

Die Schleier[3] von Braut und Nonne (lateinisch vêlum, altdeutsch Weil[4]) sind fester Bestandteil der christlichen Kultur. Die evangelischen Diakonissen[5] tragen stattdessen ein Häubchen[6], entstanden aus der Kopfbedeckung der verheirateten Frau, die "unter die Haube gekommen" war.

Seit 1200 sagen wir Schleier, mittelhochdeutsch sloier. Die ungewöhnliche Lautung lässt vermuten, dass dieses Wort aus dem Niederdeutschen oder Niederländischen stammt, wo es aber erst 200 Jahre später bezeugt ist. Wie niederländisch sluier 'Schleier' neben luier 'Windel' aus lûdere 'Tuch' zeigt, ist das i nur ein Gleitlaut an Stelle des ausgefallenen d.[7] Beide Wörter mit und ohne s- gehören mit Luri / Schluri 'Taugenichts' zu einem breit entfalteten vorgermanischen (s)leu- 'schlaff'.[8]

Der indische Schal hat sich aus einem Umhängetuch entwickelt. Wir lernten ihn seit dem 17. Jahrhundert aus Reiseberichten kennen. Bis ins 19. Jahrhundert schrieb man wie im Englischen Shawl; die heutige Schreibung hat sich nach 1900 durchgesetzt.[9] Persisch und Urdu shâl führen zu Hindi shâla und dies wiederum zu altindisch shâta 'Tuch, Binde' mit einem bei uns unbekannten t, das über d zu l geworden ist. Aus einer Nebenform shâtî, später sâdi ist Sari 'Wickelgewand der Frau' geworden.[10] Die Inder nehmen es mit l und r nicht so genau und sh entspricht europäischem k und germanischem h. Schal und Sari sind also Mitglieder derselben Familie wie Hader 'Lumpen' und Kutte 'Mönchsgewand'. Wie Decke und Dach zusammengehören, so auch Kutte und Kate / Hütte.[11] Damit sind wir wieder im Orient: Unser Hader ist der heruntergekommene Bruder von persisch tschâdor 'Ganzkörperschleier', ursprünglich 'Zelt'[12]. Auch der arabische hidschâb 'Kopftuch' hat eine umfassendere Bedeutung (auch 'Vorhang, Hülle, Scheidewand, Schranke').

Es sind aber nicht nur die Frauen, die ihr Haar oder gar Gesicht verbergen müssen. Die Männer der indischen Sikh[13] tragen Turban[14], die der nordafrikanischen Tuareg[15] sogar einen Gesichtsschleier. Und die arabischen Männer haben stolz ihr Kopftuch auf (kûfîja, kafija, verwandt mit Kaftan und Kappe).[16]

 

[9] Meyers Konversations-Lexikon (1878) 14,631 Shawls (Pl.) ∷ (1905) 6,683 Schal

[10] Kreuzdenker, Etymologie: Schal

 

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Sprachecke 21.04.2015

 

Datum: 14.04.2015

Aktuell: 10.06.2016